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„Es wird wohl jetzt Usus nach dem Westen zu fahren?!" Die Augen unseres Gegenübers sehen uns eiskalt an. Diese Frau kennt genau ihre Macht. Sie kennt auch uns, denn wir wohnen im selben Wohngebiet und da läuft man sich schon mal in der Kaufhalle, der Post oder beim Arzt über den Weg. Spöttisch lächelnd dreht sie unseren Antrag auf einen Besuch bei Michaels Tante in Berlin West in ihren Händen hin und her. Kraft ihres Amtes kann sie uns fahren lassen oder es einfach ablehnen. Und das genießt sie. Michael war schon ein paar Mal zum Geburtstag seiner Tante, aber diesmal habe auch ich einen Antrag gestellt, weil es der achtzigste Ehrentag ist. „Sie haben Kinder?" Natürlich kennt sie unsere Kinder. Ihr Sohn ging sogar mit unserer jüngsten Tochter vor Jahren in die Keramik AG. „Ja, wir haben zwei Mädels." „Die wollen aber nicht auch noch mit, oder?" Eigentlich wollten sie schon mit. Auf der Einladung der Tante standen auch ihre Namen. Die Frau auf der Gegenseite des Schreibtisches musste das auch gelesen haben! Da wir wissen, dass nie eine ganze Familie eine Reise in den Westen antreten darf, hatten wir gleich auf einen Antrag für sie verzichtet. „Nein, sie haben Dienst. Die paar Tage kommen sie gut allein zurecht." Und dann geschieht das Unfassbare! Wir dürfen beide zum 80. Geburtstag Tante Sylvias nach Westberlin fahren!
Unser Trabi kutschiert uns am 8. November 1989 in die Hauptstadt und dort in die Friedrichstraße. Hier verabschieden wir uns. Für ihn ist die Einreise verboten. Auf die Zeremonie an der Grenzstelle mit „Sehen sie mich richtig an! Brille absetzen! Bitte mal die Tasche öffnen!" will ich nicht näher eingehen. Endlich darf ich die alte Dame kennen lernen, die so liebe Briefe und Päckchen schickt. Wir fahren nach Steglitz. Tante Sylvia hat eine kleine Wohnung im Haus ihrer vier Kinder. Von allen werden wir mit großem Hallo begrüßt. „Es wird bestimmt ein schöner ruhiger Tag, ich habe nur ein paar liebe Freundinnen eingeladen. Die kommen aber erst Nachmittags. Hier sind zwei Karten für eine Stadtrundfahrt für morgen für euch. Seht euch in Ruhe unser schönes Berlin an!" überrascht uns unsere Tante. Michael und ich fühlen uns gleich zu Hause. Bis tief in die Nacht klönen wir mit der ganzen großen Familie, nur Tante Sylvia verabschiedet sich um 10 Uhr. „Ich kann es noch gar nicht fassen, dass wir hier sind," sage ich meinem Mann als wir endlich im Bett liegen. „Sicher wird es ein schöner ruhiger Geburtstag."
Und dann kommt alles anders!!!
Ganz früh am Morgen weckt uns Helga, die Schwiegertochter der Tante. „Aufstehen! Aufstehen, die Grenzen sind offen!" Sie hat ein Kofferradio mitgebracht, um uns die Neuigkeit glaubhaft zu machen. Ich wusste, dass es in letzter Zeit politische grummelte und immer mehr Leute Ausreiseanträge stellten. Zur Montagsdemo war ich einmal mitgegangen. In der Mitte, gut versteckt. Durch das Fernsehen kannten wir die Friedens- und Freiheitsgebete in der Nikolaikirche, aber wir hatten auch Angst, dass alles eskalieren könnte. Und nun waren die Grenzen auf?! „Seit wann?" „Was seit wann?" Helga versteht nicht. „Seit wann sind die Grenzen auf?" Michael ruft es bereits aus dem Bad. „Ich weiß nicht. Ich habe gerade das Radio eingeschaltet und da kam die Sondermeldung. Sie bringen es immer und immer wieder." „....sind Bürger der DDR berechtigt in das kapitalistische Ausland zu reisen."
Der Geburtstag von Tante Sylvia verläuft nun doch etwas anders als geplant. Unsere Kinder hatten bereits gestern Abend im Fernsehen von der Eröffnung erfahren und kratzten sofort alle ihre Ersparnisse zusammen, um den nächsten Zug nach Berlin zu erreichen. Bereits zum Frühstück waren sie da, die Adresse hatten sie ja. Da alle Straßen total überlastet sind, kann der Bus der Stadtrundfahrt nur die Hälfte der Stadt zeigen. Aber das stört uns überhaupt nicht. Ganz Berlin feiert! Wo man hinkommt, wird man als Ossi überschwänglich begrüßt. Als wir einer Blumenfrau erzählen, dass wir zum 80. Geburtstag um eine Einreise gekämpft hatten, schenkt sie uns einen riesigen Rosenstrauß. Abends fahren wir mit der ganzen Geburtstagsgesellschaft zur Nobelmeile Kurfürstendamm. Der Tag war schon recht turbulent gewesen und ich hätte nie gedacht, dass es noch eine Steigerung all dessen geben könnte. Aber das gibt es! Jeder Trabant wird stürmisch begrüßt. Fremde Menschen umarmen sich. Westberliner laden völlig Unbekannte zu einem Bier oder einer Bratwurst ein. Faschingsvereine aus ganz Deutschland hatten die Reise nicht gescheut. Der 11.11. steht ja vor der Tür! Und dann noch die Öffnung der Mauer! Medienanstalten alle Herren Länder zeigen Präsenz und ihre Programme auf übergroßen Leinwänden. An jeder Ecke lädt ein heißer Tee zum Verweilen ein. Und das ist auch sehr nötig, denn es ist bitterkalt in dieser Nacht. Und wenn ich uralt werde, diesen Tag und diese Nacht vergesse ich nie!
Die Euphorie der Wende hat jeder auf seine Weise empfunden. Was danach kam, musste auch jeder verarbeiten. Unser Betrieb entsprach nicht den westlichen Rentabilitätsansprüchen und wird geschlossen. Auf dem Arbeitsamt, wieder getrennt durch einen Schreibtisch, sitze ich derselben Frau gegenüber, die damals in der Meldestelle der Stadtverwaltung meinen Antrag auf eine Reise nach Berlin West genehmigt hatte. Wieder fixieren mich eiskalte Augen. Wieder fühle ich mich trotz der frisch gewonnenen Freiheit winzig. Und wieder sagt sie einen Satz, der mich frieren lässt, trotz der sommerlichen Wärme: „Heutzutage ist es nicht mehr Usus nur am eigenen Heim zu kleben. Man muss flexibel sein. Ich hätte eine Arbeit in Nürnberg für sie."
Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler
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Mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler.
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