Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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***Steffen Reiche: Die Gründung der SPD***

Die Gründung der SDP in der DDR und die erste Kontaktaufnahme mit der SPD
Ein Bericht von Steffen Reiche

Der letzte Sommer der 80er Jahre war voll von einer ungewöhnlichen, so nie da gewesenen Stimmung. Noch im Winter hatte man die großen Proteste aufgrund der Inhaftierung von Mitarbeitern der Umweltbibliothek durch deren Freilassung wieder unterdrücken können. Aber bei Hunderten hatte dies eine ganz neue Erfahrung geprägt - sicher für viele eher Resignation, die zum Verlassen der DDR zusätzlich motivierte, für die meisten aber, dass man etwas verändern musste, wenn man bleiben wollte. Zu viele im engeren Verwandten- und Freundeskreis hatten aus eigener Ansicht und mit den Augen eines Ostdeutschen den Westen erlebt, und fast überall hatte das nicht nur unterschiedlich starke Faszination ausgelöst sondern auch die tragenden Pfeiler des geschlossenen Weltbildes angeknackst.
Diese ganze Inszenierung einer Gesellschaft, die nur funktionierte, weil alle mitspielten - unter Zwang wider besseres Wissen oder unter Zwang ohne besseres Wissen, weil man - wie ich - nichts anderes kannte. Ich brauchte lange, um zu verarbeiten, dass ich für das Leben in der DDR auf Dauer quasi verdorben war. Ich konnte mich zwingen, zurückzugehen und tat es nach den ersten Besuchen im Westen bei meiner Großmutter sogar gern. Ich merkte, dass ich im Osten eine Aufgabe hatte, die ich im Westen nicht haben würde, aber zugleich war ich fasziniert von den Lebensmöglichkeiten im Westen. Es war, als wenn ich einen Raum mit einer neuen Dimension betreten hätte. Bei den ersten Reisen 1987/88 hatte ich mir mehrere Bücher mitgebracht. 15 Jahre nach dem Ende des Krieges geboren, hatte ich die wesentlichen Etappen der Entwicklung der Ost-West-Spannung nicht oder nicht bewusst erlebt. Vieles wusste ich vom Hören-Sagen, Bruchstücke, Episoden, die kein geschlossenes Bild ergaben. Nicht dass ich geglaubt hätte, dass sich die ganze Geschichte gesetzmäßig vollzogen habe. Aber wenn man nur aus Sicht der DDR die eigene Geschichte dargestellt bekommen hatte und keinen schlüssigen Entwurf daneben kennen lernen konnte, brauchte man einen solchen offenen Blick in die Wirklichkeit, um zu verstehen.
Das war der eigentliche Grund, weshalb ich im Sommer 1989 - die Kommunalwahlen in der DDR vom 6. Mai waren gerade von uns als handfester Wahlbetrug, auch an DDR-Verfassung und Gesetzen gemessen, bloßgestellt worden - einen Aufsatz über „Möglichkeit und Notwendigkeit sozialdemokratischer Politik in der DDR" zu schreiben begann. Ich hatte die Erfolglosigkeit und die Ineffizienz „außerparlamentarischer Politik" schon nach wenigen Jahren satt. Aufwand und Nutzen, Möglichkeit etwas zu verändern und Gefährdung der eigenen Person standen in keinem faszinierenden Verhältnis. Ich wusste, dass Veränderungen in der DDR das Bohren dicker Bretter bedeuten würde. Aber ich hatte so viel Selbstachtung und Ehrgeiz, dass ich dafür wenigstens einen scharfen Bohrer wollte.
Die Gründung einer Partei, die ernst nahm, dass es da mehrere Parteien in der DDR gab und die zum einen den Dialog des gemeinsamen Papiers von SED und SPD in eigener Weise aufnahm und zum anderen ernst machte, dass die Voraussetzung der Zwangsvereinigung von 1946 entfallen war. Mit der Schaffung des Straftatbestandes des Sozialdemokratismus im Jahr 1948 waren die rechtlichen Grundlagen für die Zwangsvereinigung selbst in deren eigener Diktion entfallen. Es gab ein historisches Recht die SPD wieder zu begründen, in Berlin sogar nach alliiertem Recht die Möglichkeit, die in Berlin nie verbotene sondern nur eingeschlafene SPD wieder zu beleben. Ich suchte dringend nach Partnern, mit denen in biografischer Kontinuität so etwas in Berlin gelingen konnte. Als ich bei einer Veranstaltung der CDU, organisiert von einem Pfarrer, der Mitglied der DDR-Wahlkommission bei den Kommunalwahlen war, eine Fährte zu einem solchen Mann auftun konnte, glaubte ich mich dem Ziel ganz nahe. Aber er lehnte es wie andere ab, weil er nicht an einen Erfolg glaubte - ähnlich wie andere Freunde aus dem Friedenskreis und den Gesprächskreisen, in denen ich mitarbeitete bzw. zu denen ich Kontakt hatte. Erst als ich im Juni zu verschiedenen Pfarrern in Potsdam und in Berlin ging, um die Möglichkeit zu bekommen, meinen Vortrag bei öffentlichen Veranstaltungen in Gemeinderäumen zu halten, hörte ich erstmals von der „Initiativgruppe zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei" und bekam einen der wohlvertrauten Wachsmatrizenabzüge. Die Initiativgruppe hatte sich am 200. Jahrestag der Französisch-Bürgerlichen Revolution in der Berliner Gethsemane-Kirche gebildet, unmittelbar neben dem Sprachenkonvikt, in dem ich Theologie studiert hatte. Über die Berliner Adresse, die auf dem Flugblatt angegeben war, versuchte ich Kontakt zu bekommen. Aber Ibrahim Böhme war nie da und meldete sich nicht. So rief ich bei Martin Gutzeit an, dem einen der drei Pfarrer, die mit Böhme gemeinsam den Aufruf verfasst hatten. Wir verabredeten uns in einem Café am Fernsehturm auf dem Alexanderplatz. Ich gab Gutzeit meinen Aufsatz, quasi als Bewerbung mitzuarbeiten. Obwohl er sich natürlich schützen musste vor einer getürkten Stasibewertung, fasste er Vertrauen und so arbeiteten wir seit Juni zusammen.
Es gab zu diesem Zeitpunkt eine Art Wettlauf, nicht nur um prominente Namen bei der Gründung sondern auch um den Zeitpunkt der Gründung. Wir waren überzeugt, dass von unserer Idee eine besondere Provokation für die SED und die Behörden der DDR ausgehen musste, weil wir unseren Anspruch auf eine zentrale Wurzel der Tradition der SED erhoben. So absurd es klingen mag, wir sollten mit dieser Gründung die SED mit ihren eigenen Waffen schlagen - einer dialektischen Geschichtsauffassung. Wir wollten nicht einfach 1989 opponieren sondern setzten mit unserer Kritik 1966 an und wollten die SPD in das Spektrum der Parteien zurückholen, deren Unterdrückung zu den von vielen kontaktierten Verfallsprozessen der Demokratie geführt hatte. Eine sozialdemokratische Partei konnte man nicht einfach verbieten und noch weniger - was das schlimmste gewesen wäre - ignorieren.
Auf einer meiner West-Reisen hatte ich in Köln ein SPD-Büro besucht und mir dort Material besorgt. So hatte ich Programm, Statut, Satzung und Wahlordnung sowie andere Unterlagen. Schon bei unserer ersten Besprechung hatten wir entschieden, dass wir eine wirkliche Parteigründung vorbereiten wollten, in der wir mit einem Rechtsakt etwas schufen, was zwar noch klein und verborgen war, aber von der Rechtmäßigkeit des Gründungsaktes unabweisbar und unanfechtbar. Es sollte eben nicht wie in der Bürgerrechtsbewegung bis dahin nur Deklaration von Zielen sein, es sollte nicht wie in der DDR nur eine Gründung per Direktive sein sondern wir wollten das von uns gewollte und für die Zukunft gewünschte vorwegnehmend, im Anschluss an unterdrückte bürgerliche Traditionen einen wirklichen Gründungsakt vorbereiten. Deshalb bildeten wir etwa nach der dritten Sitzung eine Arbeitsgruppe, die ein Statut und eine Geschäftsordnung entwickeln sollte, sowie eine andere, die an Parteiprogrammen arbeitete. Manchmal mussten wir selber über unsere Ernsthaftigkeit lächeln, aber als ich vorschlug, am Tag der Gründung auch einen Aufnahmeantrag an die Sozialistische Internationale zu stellen, war klar, warum das dringend notwendig war - wir wollten nicht aufgrund von nicht erfüllten Formalitäten abgelehnt werden. Eine der spannendsten Diskussionen Anfang September drehte sich um die Frage, wann wir die Gründung der sozialdemokratischen Partei durchführen wollten und wie die Partei heißen sollte. Zwei von uns gesetzte Maximen standen mit ihren Konsequenzen im Widerspruch: Sollten wir den Gründungsakt sehr gründlich planen, um zum einen im notwendigen Umfang solide vorzubereiten, zum anderen nicht nur einen kleinen Kreis von Freunden und Bekannten einladen sondern eine unter den gegebenen Umständen doch maximale Öffnung der Einladung erreichen. Oder wollten wir, wie mehrere vorschlugen, den 7. Oktober nehmen, um an dem Tag, an dem 40 Jahre DDR gefeiert wurden, nicht einfach nur zu kritisieren was war sondern mehr, den Finger in eine Geburtswunde legen und deutlich machen, dass diese 40 Jahre so stattfanden, hing damit zusammen, dass bereits bei Gründung der DDR eine für Deutschland zentrale politische Kraft schon über 3 Jahre eliminiert war.
Aus internen Papieren der Staatssicherheit und aus Propagandamaterial für Bezirksleitungen und Schulungen von Funktionären erfuhren wir wenige Monate später, dass unsere Gründung für die gefährlichste und die mit dem grundsätzlichsten Anspruch auftretende gehalten wurde. Ebenso klar aber ist, dass ohne die Breite der Aktivitäten - und das heißt ohne diese Vielzahl von Gründungen - die Dynamik der Entwicklung nicht zustande gekommen wäre.
Ähnlich grundsätzlich wurde in dem kleinen Assistentenzimmer die Frage nach dem Namen diskutiert: Sollte die neue Partei gemäß unserem eigenen Anspruch SPD heißen oder war diese Provokation nicht nur für die SED sondern auch für die DDR-Bürger zu groß?
War die Gefahr des Missverständnisses unserer Gründung als einer Ausgründung oder Erweiterung der SPD im Westen nicht eher hinderlich für unser Anliegen? Wir fürchteten als Ausgründung, als Beiboot denunziert und kaltgestellt zu werden. Und gerade das wollten wir nicht!
Eigentlich sollte die Gründung in einer Gaststätte stattfinden. Wir wollten bewusst nicht in ein Pfarrhaus gehen, um nicht als kirchliche Initiative missverstanden zu werden. Sicher nahmen wir gern den Schutz der Kirche und im Notfall ihre Verteidigung in Anspruch. Aber wir wollten eben nicht als Pfarrer gesehen werden sondern wollten als Bürger von unserem Bürgerrecht, eine Partei zu gründen, Gebrauch machen. Doch die Gefahr, einen Gastwirt mit der falschen Angabe, eine Hochzeit zu machen, zu schädigen oder aber mit einem erpressbaren Gastwirt die Veranstaltung durch die Stasi auflösen zu lassen, ließ uns dann doch auf Bewährtes zurückgreifen: also wieder Pfarrhaus. Da ich im September schon eine von über 40 Leuten besuchte Vortrags- und Diskussionsveranstaltung in der Friedrichskirchgemeinde in Babelsberg gemacht hatte, haben wir uns dann letztlich doch für Schwante entschieden.
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Am Morgen des 7. Oktober war das noch ein ganz normaler Satz, der sich jedem erschloss, den man aber auch gelinde für Übertreibung halten konnte. Am Abend des 7. Oktober war nicht alles, aber vieles anders. Die Partei- und Staatsführung der DDR war am 7. Oktober, am 40. Jahrestag, zu spät gekommen und musste es sich in aller Weltöffentlichkeit sagen lassen. An vielen Orten würde es an diesem Tag Protest geben. Ich hatte Lust, dabei zu sein und war doch froh, dass wir etwas machten, was nicht so laut, nicht so offensiv war, aber im Grunde die stärkste Attacke gegen den Staat an diesem Tage darstellte. Der alte Feind des Kommunismus in Deutschland, die Sozialdemokratie, wurde wieder neu belebt, neu gegründet. Die entscheidende Voraussetzung für die Gründung der DDR und die Entwicklung, die danach folgen musste, war die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED.
Als ich in Schwante ankam, achtete ich darauf, dass niemand mein Auto zuparken konnte, denn ich musste - wie vorher verabredet - mittags die Gründungsurkunde, das Programm und die Satzung nach Berlin bringen. In der Küche von Achim Kähler besprachen wir noch, wie wir uns verhalten würden, wenn die Versammlung gleich zu Beginn aufgelöst werden würde. Wir wollten eine Notgründung für den Fall, „dass" machen, die nur wenige Minuten in Anspruch nehmen sollte. Und dann würden wir nach der erarbeiteten Geschäftsordnung, nach dem, was wir aus Satzungen und Statut der SPD entnommen hatten, wie Parteiversammlungen sein mussten, die richtige Gründung machen.
Wir alle waren wunderbar erregt, weil wir wussten, dass es etwas Einmaliges war, was wir jetzt machten - eine Partei gründen. Und nicht irgendeine sondern die älteste deutsche Partei, die hier im Osten verboten war. Wer auch immer wann nach uns kam, er würde sich zu unserer Gründung verhalten müssen. Es war wunderbar, einfach das Recht, diese Partei zu gründen, in Anspruch zu nehmen und damit Geschichte zu schreiben. Denn wie absurd und abwegig es vielleicht auch von außen schien; wir wollten die Sozialdemokratie im Osten wiederbegründen. Ich war froh, dass ich meinen Fotoapparat mitgenommen hatte. Der Raum war übervoll. Die streng geheime Mund-zu-Mund-Propaganda hatte unseren kleinen Initiativkreis auf etwas mehr als das Vierfache vergrößert. Zuerst wurde von Konrad Ellner ein Bericht gegeben von der Arbeit des Initiativkreises, der sich nach der Veröffentlichung des Aufrufes am 24. August gebildet hatte. Da wir kein Protokoll gemacht haben - was heute fast von jeder Ortsvereinssitzung gemacht wird - musste alles aus der Erinnerung heraus berichtet werden. Konrad Ellner erklärte auch, dass wir die Notgründung schon eine Woche zuvor durch den Initiativkreis im Sprachenkonvikt vollzogen hatten, so dass im Falle der Auflösung der Versammlung durch die Staatssicherheit die Partei dennoch als gegründet angesehen werden konnte. Konrad Elmer (heute Elmer-Herzig), der als Studentenpfarrer von Berlin die größte Erfahrung im Leiten von Sitzungen hatte, stellte unseren Tagesordnungsvorschlag vor.
- Statutdiskussion
- Gründung mit Unterschreiben der Gründungsurkunde
- Programmatischer Vortrag durch Markus Meckel
- Wahlen zum Vorstand
- Antrag zur Aufnahme in die Sozialistische Internationale.
Wir alle hatten noch nie ein Statut oder eine Satzungsdiskussion geführt, weil die hatten - überall wo man hin kam - kaum Belang und niemand las sie oder richtete sich nach ihnen. So diskutierte dann die Gruppe mit ebenso großer Unerfahrenheit wie Idealismus den Statutentwurf, den wir in einer kleinen Gruppe gemacht hatten. Konrad Elmer brachte seine basisdemokratischen Erfahrungen aus der Jugendarbeit ein und dran war auch der Entwurf stark orientiert, während Markus Meckel viel stärker in klaren aber demokratischen Führungsstrukturen dachte, weil wir ja eben nicht Bürgerinitiative oder basisdemokratische Bewegung sondern Partei sein wollten. Ein erster Grundsatzstreit, der in seiner Bedeutung wohl nur von wenigen erkannt wurde. Aber da die Diskussion zum Gesamtstatut wohl auch zu lange gedauert hätte und wir immer unter der Gefahr von Schwert und Schild der Partei, dem Damoklesschwert der Stasi standen, einigten wir uns auf die Verabschiedung der Grundsatzparagrafen. Es muss kurz vor Mittag gewesen sein, als wir dann auf dieser Grundlage die eigentliche Gründung vollzogen. Fast alle unterschrieben die Gründungsurkunde und nur einige erbaten sich Bedenkzeit, hatten wohl auch verständliche Furcht vor möglichen Folgen. Aus Sicht des DDR-Staates gehörte man ja mit der vollzogenen Unterschrift einer illegalen Partei an und die Einschätzungen darüber was das bedeuten konnte, divergierten erheblich. Danach trug Markus Meckel seine programmatische Rede vor. Das zweiseitige Programm hatten wir gemeinsam erarbeitet, an seiner programmatischen Rede hatte er allein in der letzten Woche gearbeitet. Wir waren gespannt. Nach dem Rütlischwur mit der Unterschrift war das der eigentliche Höhepunkt. Auf dem Weg nach Berlin hatte ich zweimal Statut und Programm und eine Erklärung zur Gründung, um es in Berlin bei dpa und dem Korrespondenten der „Süddeutschen Zeitung" abzugeben. Als ich bei den angegebenen Adressen in der Mollstraße und Am Friedrichshain klingelte, war niemand da. Also fuhr ich mit dem Aufzug nach oben und schob es unter der Tür durch. Für den Hausbriefkasten war es mir zu gefährlich, außerdem würde vielleicht erst wieder am Montag Post erwartet. Als ich wieder in Schwante ankam, war es schon später Nachmittag so gegen 17.00 Uhr und einige waren schon gegangen. Geblieben war der Vorstand. Ich war froh als ich hörte, dass ich in den Vorstand gewählt worden war, konnte ich so doch besser die Arbeit aus der Initiativgruppe fortsetzen. Überrascht aber auch erfreut war ich, dass Stefan Hilsberg zum ersten, Markus Meckel zum zweiten Sprecher und Ibrahim Böhme zum Geschäftsführer gewählt worden waren. Böhme hatte eigentlich zum Vorsitzenden gewählt werden sollen, weil zu Recht gesagt worden war, ein Pfarrer als Vorsitzender würde missverstanden werden. Aber er hatte gebeten, lieber zum Geschäftsführer gewählt zu werden, weil er nicht berufstätig war und so besser die ganze Büroarbeit machen würde. So war überraschend Stefan Hilsberg, damals 30 Jahre alt, mit einem Pferdeschwanz, der erst Monate später fiel, gewählt worden. Einen Vorsitzenden sollten wir für die Aufbauphase nicht, den konnte später ein Parteitag wählen.
Als ich Ende August mein Visum beantragte für die „einmalige Ausreise nach der BRD" (schauderhaftes Deutsch - übrigens mit fast genau den selben Anträgen wie für den visafreien Reiseverkehr in die sozialistischen Bruderstaaten), glaubte ich, dass die Chancen für die Erteilung des Visums, erst recht aber für die Ausreise nur sehr gering sein konnten. Doch ich bekam den Pass.
Ob Sie mich nach der Gründung am 7. Oktober reisen lassen würden oder an der Grenze aufhalten? Die Stasi musste doch noch funktionieren und diesmal hätte ich sie sogar verstanden. Ich hatte keinen Rechtsanspruch zu reisen, ich hatte schon viermal fahren dürfen und jemand, der ganz bewusst Umsturz plante, und eine Partei mit gründete, den musste man nicht zum Klassenfeind fahren lassen. Zu protestieren hätte also keinen Sinn gehabt. Das musste die Stasi doch wissen, dass sie diesmal am längeren Hebel saß. Schon früh wies ich Freunde aus dem Vorbereitungskreis darauf hin, dass ich irgendwann im Herbst wieder in den Westen fahren würde und dann ja etwas tun könnte, um unsere Gründung bekannt zu machen. Aber wir hatten so viel zu tun, dass niemand recht darauf achtete, genaueres zu verabreden. Außerdem - was sollte schon groß möglich sein. Im Grunde stellte ich mir selbst zu dem Zeitpunkt den Westen immer noch geprägt durch unsere ostdeutschen Erfahrungen vor: In ein Funkhaus hineinkommen, zu einem hochrangigen Politiker Kontakt erhalten - in der DDR undenkbar.
So hatte ich mich nur für Sonntag, den 15. Oktober, mit Ibrahim Böhme in Potsdam bei einer Veranstaltung in der Erlöserkirche verabredet, bei der er unsere Gründung vorstellen wollte. Während der Vorstandssitzung hatte ich es bewusst nicht gesagt, aus Angst, es könne jemand von der Stasi dabei sein und auf diese Weise alarmiert werden und die Reise verhindern. Aber Böhme war wie häufig zum verabredeten Zeitpunkt nicht mehr da, so dass ich nur unserem 1. Sprecher, Stephan Hilsberg, Bescheid sagen konnte. Er hörte kaum zu, weil er zurück nach Berlin wollte, was zu dieser Zeit noch etwa 2-stündige Zugreise war. So fand ich mich am Montag, dem 16. Oktober früh am Bahnhof Zoo, glücklich, wieder ein paar Tage „Ausgang" aus der DDR erhalten zu haben, froh, dass das, was ich mir beim letzten Mal vorgenommen hatte, gelungen war: Ich hatte etwas wirklich wichtiges erreicht - die Gründung der SDP mit vorbereitet und durchgeführt. Ich würde also bei dieser Reise nicht - wie zumindest erwogen - im Westen bleiben sondern zurückkehren. Ich wurde gebraucht und was ich tat, hatte nicht nur wirklich Sinn sondern war auch spannend. Mein Visum galt für die BRD, nicht für Westberlin, insofern handelte ich illegal, wenn ich nicht mit dem nächsten Interzonenzug „nach der BRD" fuhr sondern wie jedes Mal einen ganzen Tag in Westberlin verbrachte. Ich ging zu Reinhard Kraft vom ÖMI, Ökumenisch-missionarischen Zentrum, die in der Jebenstraße saßen. Voller Stolz erzählte ich ihm, dass ich mit Freunden die SDP gerade vor 10 Tagen gegründet hatte. Er war fast sprachlos und guckte mich in einer Mischung von Verwunderung und Erstauen an. Verwunderung darüber, dass es mir trotzdem gelungen war hier zu sein, Erstaunen über meine Ruhe, um nicht zu sagen Einfalt, dass ich hier saß und kopierte, anstatt etwas von dieser Gründung zu erzählen. Erregt fragte er mich, ob ich bereit wäre, dem RIAS ein Interview zu geben. Verwundert sagte ich: „Wenn das so einfach geht?". Ich wollte natürlich. Auf diese Weise würde von der SDP im Osten das erste Mal gehört werden können. Denn RIAS wurde gehört und ich konnte werben, sagen, was wir wollen und wie man Mitglied wird. Sofort rief Kraft beim RIAS an und auch dort war man erstaunt. „Was, und der ist hier?" Wenig später saß ich in der Kufsteiner Straße im „Herzen vom Klassenfeind". Aus einem Interview wurden zwei und als ich das erste Mal in einem dieser kleinen schalldichten Räume saß, mit dem Mikrofon vor dem Gesicht, das durch Licht anzeigte, dass jetzt vielleicht Tausende zuhörten, spürte ich Aufregung, mehr aber noch Verantwortung. Im Osten hatten wir kaum Publikationsmöglichkeiten, bestenfalls die Wachsmatrizenabzüge, aber man erreichte eben meist nur die sowieso schon kritischen Geister der Opposition und nur begrenzt die wirkliche Öffentlichkeit. Wir haben eine sozialdemokratische Partei gegründet. Wir haben ein historisches Recht daraus, denn weil die SED nicht mehr Einheitspartei sondern im Grunde kommunistische Partei ist, muss das alte Recht der Sozialdemokratie auch im Osten wiederhergestellt werden. Wir haben deshalb nicht unsere Zulassung beantragt, wohl aber unsere Aufnahme in die „Sozialistische Internationale".
„Manfred Rexin will Sie sprechen". Ich spürte, das war eine große Auszeichnung und aufgeregt ging ich durch die vielen Gänge, ehe ich in dem dunklen Zimmer, in dem inmitten von Büchern, Zeitungen und Papieren Manfred Rexin, Politikchef beim RIAS, saß. Das Interesse der Redakteure war schon groß, er aber nahm sich eine Stunde Zeit und wollte alles wissen. „Und was haben sie jetzt vor?" Ich erzählte ihm von meiner Sorge, vor allem aber von dem Wunsch, einen Verantwortlichen aus der SPD zu treffen, mit dem ich in einen offiziellen Kontakt treten könnte. Er nannte mir Tilman Fichter von der Parteischule der SPD. Ich war glücklich. Dass ich so viel erreichen würde, hätte ich nicht ernsthaft zu hoffen gewagt. Wie in einem Rausch verließ ich das Zimmer und war sicher: Jetzt habe ich den Anfang eines Fadens in die Hand bekommen. Mal sehen, was sich noch erreichen ließ für diesen kleinen oppositionellen Aufbruch, SDP Gründung genannt. Vielleicht konnte man ja das Kratzen am Fuß eines ganzen Staates, was wir mit der Gründung wollten, noch etwas besser hör- und sichtbar machen, als mit den nach mehr als 50 oder 100 Abzügen kaum mehr leserlichen Wachsmatrizen.
Die Zugfahrt verlief problemlos. Also funktionierte die Stasi doch nicht so gut wie immer befürchtet, war sie nicht an allen Stellen präsent. Oder sie hatten jetzt einfach zu viel zu tun. Am nächsten Tag, am Mittwoch, dem 18. Oktober, würde ich Tilman Fichter treffen. „Tilman ist jemand, der ‘68 nicht nur mit geprägt hat sondern der es immer noch lebt", war mir gesagt worden. Wir fanden sofort ein herzliches Verhältnis, sein badischer Dialekt mit „Berliner Schnauze" war bei ihm liebenswert. Ohne jede Distanz waren wir sofort tief im Gespräch. Ich erzählte, er ordnete ein und ich fühlte mich verstanden. Endlich mal wieder was in der DDR, was ihn faszinierte, da konnte man etwas draus machen. Nein, man musste! Ich spürte, hier war ich richtig. Mit einer aus APO-Zeiten gespeisten Begeisterung, die sofort bei ihm aufbrach, überlegte er, wie man dieser Initiative zu größerer Beachtung verhelfen könnte. „Du, wir finden da was" sagte er, unterbrochen durch das Klingeln des Telefons. Was schrie er und guckte ungläubig und begeistert zu mir? „Was? Honecker ist zurückgetreten?!" „Worden" ergänzte ich und war genauso perplex. Als Ulbricht starb, war ich im Kinderferienlager in Ungarn. Was hatten wir damals alles gehofft, was sich ändern würde. Die vom WDR, bei denen sie mich für Freitagabend angemeldet hatte, wollten jetzt dringend wissen, wo ich bin. Honecker wäre wohl zurückgetreten, und ob ich nicht vielleicht heute Abend schon kommen könnte. „Ja", ich versuchte ruhig zu bleiben. Dann rief der WDR an und sagte, Pleitgen würde einen Brennpunkt "Honeckers Rücktritt" machen. Vielleicht kämen Seiters und Lafontaine, möglicherweise sogar Schmidt. Man sei im Gespräch. Tilman Fichter und ich guckten uns an, als sähen wir einen unglaublichen Krimi, bei dem plötzlich alles offen ist. Ich wechselte zwischen Aufregung und Spannung, verbunden immer wieder mit der Frage: Darf ich das? Was passiert meiner Familie, was meinen Eltern und mir? Und einer großen Ruhe, bei der man nicht mehr man selbst ist sondern eine Rolle spielt, von der man weiß, es ist nötig, eine große Chance und man alles daran setzt, um es möglichst gut zu machen.
Denn das war etwas Neues, dass über ein Ereignis in der DDR auch jemand mitsprechen konnte und mitsprach, der dazu gehört und den es direkt betraf. Dass Honecker zurücktrat, hing ja nicht mit seinem Alter, mit seinen Leistungen oder einer Wahl zusammen sondern mit denen, die protestiert hatten, mit denen, die ausgereist waren oder das Neue Forum und andere Vereinigungen gegründet hatten.
Durch einen Glücksfall wurde jetzt nicht nur über sie gesprochen sondern ein Vertreter, ein zufälliger, kein wichtiger, kein Exponent der Bewegung, aber insofern gerade typisch - weil es eben zu dem Zeitpunkt wirklich schon Zigtausende waren, die den Protest trugen. Es war ein wirklich ungewöhnliches Bild, das sich dem Fernsehzuschauer da viertel nach acht bot: Helmut Schmidt, Kanzleramtsminister Seiters und Oskar Lafontaine, alle im Anzug mit Schlips und Kragen, saßen mit einem Typen am Tisch, der wohl eher andere Assoziationen als die von Politik auslöste, eher die eines problematischen Gegenstandes von Politik. Mit meiner Flickenlederjacke, auf die ich stolz war, weil ich sie erst im Sommer aus Polen geschmuggelt hatte und einem Hemd, was mir gefiel, und das ich mir für 10 DM auf dem Markt gekauft hatte, mit einer Brille, die es in ihrer Größe auch gut mit der Brille eines ZK-Mitgliedes aufnehmen konnte, war ich sichtbar aus einer anderen Kultur, einer anderen Welt. Schmidt begegnete mir kühl und reserviert, nicht nur wegen meines Äußeren sondern er hatte wohl Sorge, zu große Nähe zu diesem nicht einzuordnender Menschen, der im Osten eine sozialdemokratische Partei gegründet hatte, zu zeigen. Lafontaine reizte es hingegen deutlich zu machen, dass man mit Sozialdemokraten im Osten gern reden würde. Er zeigte sich erfreut, dass in diesem ganzen undurchschaubaren Geflecht von Irritationen auch einer dabei war, der sich sozialdemokratisch nannte.
Niemand wusste an diesem Abend wirklich, was sich eigentlich verändert hat, was jetzt kommt und wie tief der Riss ist, für den diese Absetzung steht. Ist Krenz schon alles, was neu kommt?
Nach der Sendung lud Oskar Lafontaine Klär, Fichter und mich noch mit in die Vertretung des Saarlandes zu einem Abendessen ein. Wenig Zeit blieb, weil Tilman Fichter schon längst für den Deutschlandfunk zugesagt hatte, dass ich kommen würde. Ich war glücklich, dass Oskar Lafontaine sich so viel Zeit nahm, denn die kurze, unterkühlte Begegnung mit Schmidt hatte mich doch eher verwundert. Da begegnete ich einem Idol, einer Legende, konnte sie sogar anfassen, aber es blieb bei einem flüchtigen Händedruck. Wie gern hätte ich ihm auf Fragen geantwortet, hätte ihm etwas erzählt, hätte Grüße von ihm aufgetragen bekommen. Aber ich glaubte, dass er uns nicht ernst nahm, mich zumindest. Und ich nahm es ihm nicht einmal übel, weil ich ihm irgendwie auch recht gab. Wer waren wir, was war er. Aber man hätte wollen können und Lafontaine wollte. Ihr seid für uns ein Partner, wir werden euch helfen, Rede- und Versammlungsfreiheit zu erstreiten im anderen Teil Deutschlands.
Auf der Rückfahrt überschwemmte mich ein Glücksgefühl. „Ein Sozialdemokrat aus dem Osten kommentierte den Sturz Honeckers." Und sie konnten mich nicht daran hindern und vor allem sie mussten mich wieder hinein lassen in die DDR, ich konnte sie zwingen, in dem ich einfach da stand, mein Visum zeigte. Und wenn sie es nicht taten, würden sie erst recht Probleme bekommen. Noch zehn Tage konnte ich über Radio und TV werben für die SDP, Menschen bitten, in die Partei einzutreten und vor allem bekannt machen, was wir wollen.
Die weiteren Treffen im Westen der Republik gingen Schlag auf Schlag. Ein Besuch im Presseclub stand an, danach wollte ich aus der Mini-Modell-SPD mal sehen, wie die richtige SPD lebte und funktionierte. Karl-Heinz Klär entschuldigte sich, gab Fichter ein Zeichen und verschwand. Ich freute mich, da ich glaubte, er würde einige Bücher und Material holen, das ich dann versuchen würde mit zurück zu schmuggeln. Wenig später kam er wieder und an seinem triumphierenden Lächeln erkannte ich, dass ihm etwas gelungen war, was er selbst nicht für wahrscheinlich gehalten hatte: „Der Hans-Jochen würde gerne mit Dir reden". „Welcher Hans-Jochen?" fragte ich, weil ich an Dr. Vogel oder zumindest doch Hans-Jochen Vogel zu denken mir selber verbat. Aber seine Reaktion machte deutlich, dass, was ich mir nicht wirklich auszudenken gewagt hatte, Wirklichkeit werden sollte. Das war jetzt kein Zufall mehr, wie all die bisherigen Treffen, das war bewusst und gewollt. Ein Vertreter der Ost-SPD bekam eine Gesprächsmöglichkeit im Büro des Vorsitzenden der 125 Jahre alten SPD. Ich setzte mich gerade und resigniert glitt mein Blick an mir herunter. „Hätte ich das gewusst." Aber jetzt galt es eine Chance zu nutzen. „Ich bring Dich hin." Groß, breitschultrig, gesammelte Konzentration, nichts überflüssiges, affektiertes, sparsam und überlegt in Mimik und Gestik und deshalb alles um so wichtiger. „Und Sie haben die Sozialdemokratie im Osten wieder mit begründet?" Ich erzählte ein bisschen, und noch ehe wir uns setzten, sagte Hans-Jochen Vogel: „Wir hier sagen als Genossen ,Du‘ zueinander." „Wir auch", platzte ich dazwischen, um etwas vorlaut deutlich zu machen, dass wir alles wie die SPD machten - bereute es aber zugleich, weil es wie Anbiederung klingen musste und diesen Mann in die Not brachte, mich jetzt wohl zu duzen. „Also ich heiße Hans-Jochen." Ich vergaß zu antworten und setzte mich dankbar auf den Stuhl, der mir angeboten wurde. Hans-Jochen Vogel fasste in dem kaum fünfzehnminütigen Gespräch Vertrauen, merkte, dass das kein Scharlatan war, der ihm da gegenüber stand und wollte das, was ihm wohl selber wie ein großes Wagnis vorkommen musste. „Ich muss ins Präsidium. Willst Du mitkommen und von Eurer Gründung erzählen?" Mir stockte der Atem. Wenn das Unerwartete dieses Gespräches, was ich mir vielleicht in einer unkontrollierten Sekunde noch gewünscht hatte, ehe ich mir wieder verbot, so etwas zu denken, in so unglaublicher Weise noch überboten wurde! Das war quasi eine öffentliche Anerkennung dessen, was wir gemacht hatten. Die offizielle Gegenzeichnung des fast aberwitzigen Anspruches eine sozialdemokratische Partei gegründet zu haben. „Ja, gern." Ein Raum ohne Fenster, aber mit lauter Menschen, die ich kannte, die mir vorgestellt wurden und mir freundlich zunickten. Wenn ich jetzt selber hätte reden müssen, hätte ich vermutlich vor Aufregung einen Blackout bekommen. So aber schlüpfte ich in meine Rolle und spielte mit Hingebung. Ich erzählte, was wir gemacht hatten und vor allem, was wir wollten. Erzählte, dass wir lange diskutiert hatten, ob wir uns SDP oder SPD nennen sollten, berichtete von unserem Antrag an die sozialistische Internationale und bat darum, ihn zu befürworten. Besonders intensiv erklärte ich, warum wir gegenüber der DDR auf Unterstützung angewiesen waren. Wir wollten Partei sein, denn die SPD fehlte in der Volkskammer seit der Zwangsvereinigung. Wir wollten Mitglieder der SED gewinnen und langsam aufwachsen zu einer ernsten politischen Größe. Uns war klar, dass das ohne Unterstützung der SPD nicht gelingen konnte. Die Frage der Selbständigkeit musste nicht betont werden. Das verstand sich von selbst in zwei verschiedenen Staaten, da wir gerade nicht als Westableger diskriminiert und ins politische Abseits gedrängt werden wollten.
Die Fragen und die Einschätzungen von Egon Bahr bis Heidemarie Wieczorek-Zeul machten deutlich, dass die Genossen freudig, ja beinahe begeistert waren. Wenn die erste Partei, die sich neu gründet, sozialdemokratisch sein will - das war ein gutes Zeichen. Ich sagte etwas zum SED-SPD-Papier „Streit der Kulturen", wie es uns geholfen hatte, obwohl wir erst sehr verwundert waren, dass es ein solches Papier geben konnte. Ich stellte unsere Position zur deutschen Einheit dar, dass es schon ein langfristiges Ziel war, dass wir aber sahen, warum wegen der deutschen Teilung als Folge deutscher Schuld ein Prozess in Gang gesetzt werden sollte. Besonders freute sich Johannes Rau als ich erzählte, wie nah dies alles mit der Kirche verbunden war, dass die Sozialdemokratie im Osten aus der Kirche heraus neu wuchs.
Es war ein glücklicher Umstand, dass ich gerade zu dem Zeitpunkt nach Bonn kam, wo die SPD sich neu orientieren wollte - aus honorigen und verständlichen Gründen war sie viel zu etatistische eingestellt, wollte auch weitere Veränderungen nicht nur im deutsch-deutschen Verhältnis sondern auch für die Ostdeutschen über die gemeinsam entwickelte Streitkultur mit der SED verändern.
Spätestens seit dem Sturz von Honecker musste nun aber an die Seite dieser Politik ein stärkerer offizieller Dialog mit der Opposition treten. Insofern waren wir füreinander wie Gottesgaben - wir brauchten Anerkennung und Schutz für diesen im Grunde vermessenen Anfang der Parteigründung. Die SPD brauchte einen Partner in der Opposition, die SDP.
Hans-Jochen Vogel hatte mich später gebeten, am Nachmittag mit zum Fraktionsvorstand zu kommen.
Pünktlich 19.00 Uhr traf ich im Abgeordnetenbüro von Egon Bahr ein. Er sagte mir im Auftrag des Parteivorstandes die Präferenz der Kontakte der SPD zur SDP zu. Da wurde mir klar, dass das nicht nur eine Episode zwischen beiden Parteien blieb. Ich war, ohne formal ausgesandt zu sein, als Emissär anerkannt und die größte deutsche Volkspartei erklärte, dass von diesem Tag an nicht mehr die Kontakte zu der mit über 2 Millionen Mitgliedern doppelt zu großen Partei SED im Mittelpunkt stand sondern das der Vorzugskontakt ab sofort den fünfzig ostdeutschen Sozialdemokraten galt. Vielleicht wurde das auch dadurch ermöglicht, dass ich mit Leidenschaft erzählt hatte, dass wir unsere Gründung als Einladung an SED-Mitglieder verstanden, die sich selbst als Sozialdemokraten verstanden, und insofern war die Anerkennung der SPD für uns auch ein Bollwerk dagegen, dass alte SED-Leute sich einfach umgründeten zur sozialistischen Partei Deutschlands oder einzelne SED-Leute die SPD im Osten neu gründeten. Bis dahin war alles überraschend, zufällig gelaufen, hätte eins das andere ergeben. Ab nun wurde nichts mehr dem Zufall überlassen. Ich war eine öffentliche Person geworden und jetzt wurde organisiert, wann und wo ich mich mit wem traf.

 


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Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler