Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Sieglinde Bode: Prüfungsstress

Am Morgen des 10. November 1989 fuhr ich mit dem Frühzug von meinem Wohnort Leipzig nach Berlin, da ich als Fernstudentin einen Prüfungstermin an der Humboldt Universität hatte. Es handelte sich infolge vorhergegangener Krankheit um eine Einzelnachprüfung im Fach Marxismus-Leninismus, welches in meiner Fachrichtung Diplommedizinpädagogik eines der Hauptprüfungsfächer war. Meine in Rostock studierende Tochter war zufällig in Leipzig zu Besuch und begleitete mich auf meinen schweren Gang. Da wir einen sehr zeitigen Zug nehmen mussten, waren wir bereits vor Mitternacht ins Bett gegangen und hatten das unglaubliche Ereignis der vergangenen Nacht buchstäblich verschlafen.

Im Radio und auf dem Weg zum Bahnhof erfuhren wir von aufgeregten Menschenmassen, dass die Mauer in Berlin gefallen sei und viele wollten Augenzeugen sein. Mein Vorhaben, die Prüfungskomplexe im Zug nochmals zu vertiefen, scheiterte infolge des Tumults kläglich. In Berlin angekommen hatte ich den Eindruck, dass wir beide die Einzigen waren, die von der Haltestelle Friedrichstraße aus gen Osten fuhren. Alle anderen Menschen strömten Richtung Westen. In den Räumen der Humboldt Universität schien dann alles wie immer. Jahrelang hatte ich hier Vorlesungen, Seminare und Prüfungen erlebt. Heute war alles anders, ich war anders, ich fühlte mich plötzlich wie zur falschen Zeit am falschen Ort. Zum ersten Mal entschloss ich mich zu etwas, das in meiner bisherigen Schul- und Studienzeit noch nicht vorgekommen war: Ich verweigerte die Prüfung. Meine Prüfungsfrage bezog sich sinngemäß auf die führende Rolle der Partei der Arbeiterklasse beim Sieg des Sozialismus.

Sehr befremdet schaute mich meine Dozentin, eine absolut überzeugte ML-Wissenschaftlerin, an als ich sie fragte, ob sie nicht wisse, was in ihrer Heimatstadt Berlin vorgeht? Sie wusste es nicht und bot mir freundlicherweise eine zweite Chance zu einer späteren Prüfung an, da ich wohl nach meiner Operation noch sehr instabil sei. Ich erhielt in der Folgezeit aber keine Nachricht zu einem Prüfungstermin, sondern zwei Monate später wie meine anderen Kommilitonen mein Diplom mit allen fachlichen Noten und dem Vermerk im Fach Marxismus-Leninismus „erfolgreiche Teilnahme“.

Als ich am 10. November das Prüfungszimmer zitternd verließ, nahm mich meine Tochter in den Arm und sagte, „Mutti, jetzt fahren wir dorthin, wo heute Morgen alle hingefahren sind“. Mein Leben in der DDR hat im Rückblick zwei markante, die Berliner Mauer betreffende Ereignisse. Als junges Mädchen war ich am 12. August 1961, eine Tag vor dem Mauerbau, im Kino in Westberlin und am 10. November, einen Tag nach dem Mauerfall, fuhr ich durch diese eben gefallene Mauer.


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