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Mir ging es in der DDR wirtschaftlich gut, und ich wurde politisch nicht verfolgt. Schon mit Anfang 20 war ich der jüngste Nachrichtensprecher bei Radio DDR. Aber Mitte der 80er-Jahre war bei mir das Maß voll, ich wollte nicht mehr täglich Jubelmeldungen und Lügen verlesen. 1986 hörte ich deshalb beim DDR-Rundfunk auf und zog mich in die Kultur zurück, arbeitete im Berliner Künstlerclub »Möwe«, managte Jazzbands und Kabarettisten. Aber Radio war mein Traumjob, und ich konnte als freier Mitarbeiter bei DT64 anfangen.
Der Frust. Die Stimmung im Land wurde immer gereizter. Jeder fragte sich, wie es mit der DDR weitergehen soll. Immer mehr Freunde stellten Ausreiseanträge oder hatten das Land bereits verlassen. Wir wohnten in Berlin-Treptow unmittelbar an der Mauer. Als Normalität konnten wir das nie empfinden. In unserem Kiez war alles schmutzig und verfallen. Bei einem Spaziergang hätte es fast unseren einjährigen Sohn erschlagen, als ein riesiger Brocken Putz von einem Balkon auf den Bürgersteig krachte. Und so sah es leider fast im ganzen Land aus.
Die Entscheidung. Den Gedanken, die DDR zu verlassen, hatten wir schon länger. Im Sommer 1989 gaben dann viele Dinge den letzten Ausschlag. Der Urlaub in Mecklenburg mit einer katastrophalen Unterkunft und einem Dorf-Konsum, in dem es nur süßen Wein, kaum eine Fischbüchse und die »Wochenpost« nur unterm Ladentisch gab. Im Ostfernsehen wurden Produktionserfolge vermeldet, im Westfernsehen gab es stündlich neue Meldungen über die besetzte Botschaft in Budapest und die Massenflucht von 600 DDR-Bürgern in Sopron. Meine Frau Ulrike und ich waren fest entschlossen, die DDR über Ungarn zu verlassen. Daheim lagen schon seit Monaten die Visa für eine Woche Budapest-Urlaub, den wir jedes Jahr gemacht haben. Und diesmal sollte es eine Reise ohne Rückkehr werden. Wir mussten uns sehr schnell entscheiden. Inzwischen hatte DT 64 meinen Resturlaub gestrichen, weil ich für Susanne Daubner die Nachrichtenschichten übernehmen sollte. Sie war wenige Tage zuvor über Jugoslawien in den Westen geflohen. Sie ist übrigens heute Sprecherin bei der Tagesschau.
Der Aufbruch. In unseren Trabi packten wir nur das Nötigste, es sollte ja nach einem Urlaub aussehen, das heißt Sommersachen und das Lieblingsspielzeug unserer Kinder. Wichtige Dokumente versteckten wir heimlich bei unseren Eltern. Über die Fluchtpläne haben wir mit niemandem gesprochen, weil wir keinen mit unseren Gedanken belasten oder gar in Gefahr bringen wollten. Was uns dabei getröstet hat: Unsere Eltern waren bereits Rentner, und wir hatten die Hoffnung, sie bald wiederzusehen. Es fiel schon schwer, die Wohnung einfach zuzuschließen und alles zurückzulassen. Aber in unserem Haus wurde jeder Schritt genauestens überwacht. Gerade erst hatten Nachbarn die DDR illegal verlassen und vorher ihre Wohnung komplett ausgeräumt.
Die Zweifel. Natürlich haben wir immer wieder überlegt, ob wir das Richtige tun. Den ersten Zwischenstopp machten wir in Dresden bei einer Tante. Die merkte sofort, dass bei uns die Nerven blank lagen und war am Ende dann die Einzige, die unseren Plan kannte. Von da aus ging es weiter Richtung Tschechoslowakei. Wir hatten furchtbares Wetter, es goss in Strömen, die Scheiben waren beschlagen, die Straßen eine Katastrophe. Aber unsere Hauptsorge war natürlich, ob die uns überhaupt über die Grenze lassen. Ein Reisevisum für Ungarn hatten wir zwar. Aber ob dieses Stück Papier jetzt noch zählte, nachdem immer mehr DDR-Bürger versuchten, sich über Ungarn in den Westen abzusetzen? Wir hatten auch gehört, dass trotz der Reform-Regierung, die seit dem Sommer in Ungarn an der Macht war, noch im August ein DDR-Bürger an der ungarisch-österreichischen Grenze ums Leben kam. Wir wollten auf keinen Fall ein Risiko eigenehen für unsere zwei Kinder, neun und ein Jahr alt. Es nachts durch den Wald über die Grenze zu versuchen, kam deshalb für uns nicht in Frage.
Die Ankunft. Es wurde schon dunkel, der Regen immer stärker. Unser Jüngster weinte viel, er hatte Durchfall. Wir merkten: Heute kommen wir nicht mehr weiter. Wir suchten elend lange nach einem Quartier, nichts war frei, am Schluss schliefen wir in Bratislava in der Wäschekammer eines Studentenwohnheims. Am nächsten Tag erreichten wir endlich Budapest. Die bundesdeutsche Botschaft war wegen Überfüllung geschlossen, und wir wurden zu einem Notaufnahmelager geschickt. Dort standen im Umkreis schon Tausende DDR-Autos, und Stasileute fotografierten jeden Neuankömmling. Bis dahin hatten wir ja noch Hoffnung, einfach wieder nach Hause zu fahren, wenn das hier nicht klappte mit der Ausreise. Jetzt war uns klar, ein Zurück gab es nicht mehr.
Das Warten. Weil unser Jüngster inzwischen sehr krank war, übernachteten wir nicht im Zelt, sondern bekamen mit vielen anderen Familien eine feste Unterkunft am Stadtrand von Budapest zugewiesen. In dieser Pension wohnten aber auch ganz normale DDR-Urlauber. Klar, dass wir sehr schnell miteinander ins Gespräch kamen. Und jeden Tag wechselten Urlauber die Seite, beschlossen ganz spontan, unseren Weg mitzugehen. Mehrere Wochen verbrachten wir dort, eine Zeit der Ungewissheit. Jeden Tag bekamen wir sehr widersprüchliche Meldungen. Mal hieß es, keiner von uns dürfe direkt ausreisen. Sondern wir müssten zunächst zurück in die DDR und dort Ausreiseanträge stellen. Mal hieß es, die Grenzöffnung sei nur noch eine Frage von Tagen. Vor dem Tor des Notaufnahmelagers hatte die DDR-Botschaft doch tatsächlich einen Wohnwagen aufgestellt. Hier wurde die Werbetrommel dafür gerührt, dass wir wieder in die DDR zurückkehren sollten. Ich denke, diese Kampagne war recht erfolglos. Die Mit¬arbeiter der bundesdeutschen Botschaft und des Malteser Hilfsdienstes kümmerten sich intensiv um uns Flüchtlinge. Wir wurden immer mit dem Nötigsten versorgt und hatten inzwischen auch einen bundesdeutschen Pass. Jeden Tag kamen Hunderte neuer Fluchtwilliger dazu. Das gab uns natürlich Zuversicht. So viele Menschen konnten sie doch nicht festnehmen und in die DDR zurückbringen.
Die Tragik. Hart waren für uns die Anrufe nach Hause, wo wir unseren Eltern und Freunden schließlich doch mitteilen mussten, wo wir sind und was wir vorhaben. Es gab viele Tränen auf beiden Seiten und natürlich auch Ängste. Mein Schwiegervater zum Beispiel war früher Lehrer und SED-Mitglied. Bekamen unsere Familien Probleme, weil wir die DDR verlassen haben?
Der Startschuss. Nach drei quälend langen Wochen ging es tatsächlich los. Gemeinsam mit anderen Flüchtlingen hörten wir im Notaufnahmelager eine Radio-Ansprache von Ungarns Außenminister Gyula Horn. Am 10. September 1989, abends um sieben, gab er bekannt, dass um Mitternacht die Grenze nach Österreich für alle Ausreisewilligen geöffnet wird. Die meisten der Flüchtlinge fuhren sofort los. Wir begannen unser Abenteuer Zukunft am nächsten Morgen. Bis zum Aufnahmelager im bayerischen Deggendorf waren wir den ganzen Tag unterwegs. Was uns auf dieser Fahrt besonders beeindruckt hat, war, wie viele Menschen an dieser Massenflucht begeistert Anteil nahmen und wie perfekt alles organisiert war. Überall in Österreich gab es Zwischenstopps für freies Tanken, wir wurden mit Essen, Trinken und positivem Zuspruch versorgt. Das Lager in Deggendorf war hoffnungslos überfüllt, und wir brauchten fast zwei Tage, um alle Formalitäten zu erledigen. Aber egal, für uns zählte nur, dass wir endlich in Freiheit waren.
Das neue Leben. Unser Ziel hieß Rödermark bei Frankfurt. Dort wurden wir schon sehnsüchtig von Ulrikes Verwandtschaft erwartet. Ihre Cousine Iris ist mit dem Schlagerstar Graham Bonney verheiratet. Die beiden haben uns beim Neuanfang unheimlich unterstützt. In ihrem Haus fanden wir unsere erste Bleibe und viel Hilfe. Ich habe sofort alle Rundfunkstationen in der Umgebung abtelefoniert und konnte schon eine Woche später als Moderator bei einem kleinen bayerischen Privat-Radio anfangen. Nebenher vertrieb ich Jeans, um das bescheidene Familienbudget etwas aufzubessern. Unser neues Leben hatte begonnen. Nur Wochen später fiel die Mauer. Aber trotzdem haben wir unsere Flucht nie bereut.
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Peter und Ulrike Escher
Mit der Familie im Trabant
Peter Escher mit Sohn
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