Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Hans-Eberhard Zahn: Der Mauerfall im Bild festgehalten

Am Abend des 9. November 1989 sitze ich etwas erschöpft in Frankfurt/Main in meinem Hotelzimmer. Ich hatte an einer Computer-Tagung teilgenommen – und mein Kopf schwirrte vor lauter Bits, Bytes, Betriebssystemen und Schnittstellen. Es gab Spannenderes: In Ost-Berlin und vorher in Leipzig hatten die Menschen gegen das Regime demonstriert. Seit dem 17. Juni 1953 hat es das nicht gegeben. Also schnell mal sehen, was es Neues gibt.
Knopfdruck – und im Fernsehen verkündet Günter Schabowski gerade die neue Reisefreiheit.
Alle Computer-Gedanken sind plötzlich weg, ich bin wie elektrisiert: Jetzt erlebe ich Weltgeschichte, jetzt muss ich zurück nach Berlin.
Ich kann umbuchen und lande spät in Tegel. Alles ist dort wie jeden Tag. Aber dann: Der Bus Nr. 9 nähert sich dem Bahnhof Zoo, kommt bald vor lauter Menschen immer langsamer voran. Dann bleibt er in der Menge stecken. Ich steige aus – und bin plötzlich Teil eines gewaltigen Stromes, der sich in Richtung Ku-Damm wälzt. Hier drängt sich alles, denn  im Osten kannte man von West-Berlin nur ihn und den Zoo... Fantastische Stimmung: Wildfremde Leute umarmen einander, man trinkt Sekt gleich aus der Flasche, füttert sich gegenseitig mit Käse und Leckereien – und kann eigentlich überhaupt nichts sehen, denn die Schaufenster bleiben in dem Gedränge unerreichbar. Aber das ist jetzt unwichtig: Hauptsache, man ist im Westen, der 28 Jahre lang wegen der Mauer unzugänglich war.
Die ganze Nacht verbringe ich inmitten froh gestimmter, geradezu berauschter, Menschen und komme am Morgen als übermüdeter, aber glücklicher Berliner nach Hause.
Vielleicht war ich ja ganz besonders glücklich. Das hat mit meiner Biographie zu tun: Vor langer Zeit war ich 7 Jahre lang politische Gefangener in der DDR. Die Mauer ging mitten durch die Familie, ich litt unter ihr und war schon resigniert, weil ich ihren Fall wohl kaum noch erleben würde. Aber jetzt fiel sie doch – und keiner hat’s gewusst!
Neue Grenzübergänge werden geöffnet. Der erste nach Treptow am Schlesischen Busch. Meine kleine Video-Kamera geladen – und nichts wie hin. Eine Mauerlücke gab schon den Blick auf rostige Straßenbahnschienen frei, die einst Kreuzberg mit Treptow verbanden. Bisher unvorstellbar: Ein West-Berliner Polizist in Tuchfühlung mit einem DDR-Soldaten. Den spreche ich bei laufender Kamera an. Keine Antwort. Noch darf er nicht mit mir reden.
Die „Nationale Volksarmee“ arbeitet fleißig. Der Übergang soll pünktlich offen sein. Auf der Westseite freudiges Chaos, ganz hinten unter Bäumen im Osten ahnt man eine angespannte Menge. Und dann ist es so weit: Im Laufschritt kommen die ersten Ost-Berliner, dann der erste Trabi. Die Kamera erfasst viele rührende Begrüßungs-Szenen.  So manchen stehen die Tränen in den Augen. Und ganz abseits, neben der auf der Ostseite grafittifreien Mauer, läuft einsam und verlassen ein Grenzoffizier. Was mag in dessen Kopf wohl vorgehen?
Am nächsten Tag: Grenzöffnung am Potsdamer Platz. Mitten im Gewühl auf der Westseite bemühe ich mich um nicht verwackelte Aufnahmen. Da bricht vor mir eine Absperrung zusammen. Der Druck der Massen schleudert mich – wie Sekt aus der Flasche – mitten auf den Platz. Ganz allein stehe ich etwas ratlos zwischen zwei schnell gebildeten DDR-Sperrketten. Ein Offizier ruft (auf sächsisch): „Genossen, die Presse kann durch“. Mit hochgehaltener Kamera weise ich mich als „Presse“ aus – und ich darf gemächlich über den noch leeren Platz schreiten, bis zur Leipziger Strasse. Welch ein Kontrast: Im Westen eine übermütig-laute chaotische Menge, hier im Osten eine still und angespannt wartende disziplinierte Menschenmauer. Einer begrüßt mich unter Gelächter mit „Jetzt kommt das Ein-mann-Westfernsehen“, ein anderer hält damals nicht mehr einlösbare Sportpalast-Eintrittskarte vom 13.August 1981 in die Linse. Auch hier Fröhlichkeit, aber sehr verhalten.
Endlich werden die Schleusen geöffnet – und meine Kamera fängt unvergessliche Szenen ein.
Unvergesslich auch das erste Weihnachtsfest am Brandenburger Tor. Zunächst filme ich – man darf das jetzt – die ganze Grenzübertritts-Prozedur. Am Pariser Platz Durchfahrt-Verbot „Nur NVA“. Wen kümmert’s? Auch die auf der Mauer-Innenseite patrouillierenden Soldaten sind ganz zugänglich und lassen sich vor laufender Kamera interviewen.
Mein Film wird ein Zeit-Dokument.

Wer noch eine Kopie haben möchte: www.mauerfallzeuge.de.


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