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Wir, das sind ein befreundetes Ehepaar sowie meine Frau und ich, die eine Mittelmeerreise auf der „Arkona“ beim FDGB-Feriendienst gebucht hatten. Bei diesem luxuriösen Kreuzfahrtdampfer, der von der DDR-Führung für Westtouristen (als Devisenbringer) angekauft wurde, handelte es sich um das FDGB-Urlaubsschiff „Arkona“, welches ursprünglich bei der Hamburger Staatsreederei unter dem Namen „Astor“ fuhr und als ZDF-„Traumschiff“ Berühmtheit erlangte. In den Wintermonaten November bis März war es aber auch für DDR-Bürger zugängig, was unsere Bekannten veranlasste, eine Mittelmeerkreuzfahrt zu beantragen. Nach dreijähriger Wartezeit wurde ihr Wunschtraum Wirklichkeit und sie bekamen vom Reisedienst der Gewerkschaft für die Zeit vom 10.11. bis 21.11.1989 zwei Plätze in einer Vier-Bett-Kabine für eine kombinierte Flug- und Schiffreise bewilligt. Die Reiseroute ging von Berlin-Schönefeld aus zunächst nach Limassol (Zypern), wo die „Arkona“ ankerte und dann weiter durch die Ägäis, Dardanellen, Marmarameer, Bosporus ins Schwarze Meer und über Sotschi, Jalta, Varna zurück nach Berlin. Da Vier-Betten-Kabinen bei Urlaubern nicht besonders beliebt sind, weil man nie weiß, mit wem man die Unterkunft teilen muss, fragten uns unsere Freunde, ob wir nicht mitreisen möchten. Natürlich stimmten wir freudig zu und meldeten uns umgehend beim FDGB-Reiseveranstalter. Das daraufhin von Berlin angeforderte Führungszeugnis über meine Person, wurde von der Gewerkschaftsleitung des Betriebes so ausgestellt, dass man meine betrieblichen und gewerkschaftlichen „Verdienste“ hochlobte, wodurch wir die beiden noch offenen Kabinenplätze letztlich zugesprochen bekamen. Am 10.11.1989 begann dann endlich das große Abenteuer. Während wir die Nachtstunden im Transitraum des Schönefelder Flughafens verbrachten, wurden uns noch keine besonderen Vorkommnisse vermeldet. Somit starteten wir planmäßig um 6.00 Uhr früh und nach drei Stunden Flugzeit erreichten wir Larnaka, den Hauptflughafen im Süden Zyperns. Dort erwarteten mehrere Reisebusse die Fluggäste für eine Inselrundfahrt, denn wir durften erst am späten Nachmittag an Bord des Schiffes gehen. Im Bus bekam jeder sofort 10,- DM-West als Tagesgeld in die Hand gedrückt. Manche Reisende hatten noch nie Westgeld gesehen und wussten im Moment nicht so recht, was sie damit anfangen sollten. Jedoch bei den auf Zypern noch vorherrschenden knapp 30° Hitze, war der Körper dankbar, sich wenigstens eine Erfrischung leisten zu können. Als ein Urlauber deshalb seine Frau um etwas von dem soeben erhaltenen Geld bat, wies sie ihn schroff zurecht: „Nichts gibt’s, das wird zu Hause im ‚Intershop’ vertan!“ Leider war mir der Umrechnungskurs DM zu zypriotischem Pfund nicht bekannt, also fragte ich am Strand ein deutschsprachiges Ehepaar danach. Zur Antwort bekamen wir jedoch zunächst ganz spontan und aufgeregt die Gegenfrage gestellt: „Haben Sie denn schon gehört, vergangene Nacht wurde ihre Berliner Mauer niedergerissen!!“ Dieses sensationelle Ereignis hier in der Fremde zu vernehmen, löste selbstverständlich eine große Freude und Befriedigung bei allen aus. Gegen 18.00 Uhr erreichten wir dann den Hafen von Limassol, wo die „Arkona“ in ihrer beeindruckenden Größe vor Anker lag. Bei der Verteilung unserer Koffer, welche die Besatzungsmitglieder bis auf unsere Kabinen brachten, riskierten diese einen verstohlenen Blick nach links und rechts und schell die geflüsterte Frage: „Was ist denn in der Heimat los?“ (Derartige Gespräche der Besatzung mit den Reisenden waren strengstens untersagt!) Wir konnten ihnen zwangsläufig nur das vermitteln, was wir selbst erst am Strand erfahren hatten. Am Abend lichteten wir laut Beifall klatschend die Anker und unsere erlebnisreiche Kreuzfahrt nahm ihren Anfang. Der nächste Tag brachte nichts Außergewöhnliches, abgesehen von den verhaltenen Gesprächen während der Mahlzeiten über die neue politische Situation in der DDR. Erst am übernächsten Morgen, als wir zum Frühstück aufbrachen, erblickten wir eine große Menschentraube im Foyer vor den Anschlagtafeln. Hier waren die ersten über Rügen-Radio eingegangenen offiziellen Berichte über die neue Lage ausgehangen. Noch konnte keiner alles so richtig einordnen, zumal sich die Schiffsführung während der ganzen Reise bedeckt hielt. Also genossen wir die Fahrt bei herrlichem Spätsommerwetter vorbei an Rhodos und weiteren Inseln der Ägäis, durchquerten die Dardanellen, das Marmarameer und erreichten zu guter letzt den Bosporus mit seiner sagenumwobenen Stadt Istanbul. Am linken Ufer erblickten wir die Türme der weltberühmten Blauen Moschee und der Hagia Sophia. Inzwischen hatte die Abenddämmerung eingesetzt und wir durchfuhren die Europa-Brücke, die beide Erdteile Europa und Asien miteinander verband. Direkt neben diesem kontinentalen Verbindungsweg, in Ufernähe, befand sich die Botschaft der Deutschen Demokratischen Republik. Von Scheinwerfern beleuchtet, erstrahlte das Gebäude in festlichem Glanz und eine riesige DDR-Fahne war auf dem Vorplatz aufgespannt. Ein spezieller Lichtsignalgeber morste uns eine gute Fahrt und eine glückliche Heimreise. Die „Arkona“ dankte dafür mit einem rhythmischen Betätigen des Nebelhorns während der Vorbeifahrt. Ganz unpolitisch betrachtet, war dies ein ergreifendes, unvergessliches Ereignis – bekamen wir doch hier in der Fremde heimatliche Grüße übermittelt. Nach Verlassen des Bosporus empfing uns das Schwarze Meer mit einer Seestärke 10, was vielen Urlaubern nicht so recht bekam, denn zu den Mahlzeiten waren nur noch etwa zweidrittel der Plätze belegt. Doch auch das ging vorüber und nach den weiteren Stationen Sotschi, Jalta und Varna erwarteten alle mit Spannung den Rückflug, um die neuen politischen Verhältnisse vor Ort mitzuerleben.
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