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Am 20. August 1989 fuhren wir vom Garten nach Hause, um die Fernsehnachrichten zu sehen. Die waren ja täglich interessanter geworden, öfter sahen wir jemanden, den wir kannten, der im Westen war. So sagte ich an diesem Tag auch zu meiner Frau: lass uns nach Hause fahren, vielleicht sehen wir einen Bekannten im Fernsehen.
In der 19 Uhr „Heute“ Sendung kam noch vor dem Aufmacher ein Bild unserer besten Freunde vom Hauptbahnhof Frankfurt. Das am Main! Sie waren über Sopron gegangen. Und dann Honecker, der ihnen keine Träne nachweint. Wir schon. Das war für uns der Auslöser. So wollten wir nicht weiter leben.
Mir kam dann im September der Gründungsaufruf des Neuen Forums in die Hände. Ganz kurz nachdem er rausgekommen war. Ich weiß leider nicht mehr, wie ich ihn bekam. Solche Dinge blendete man damals schon aus Sicherheitsgründen aus, und irgendwie hat sich das bis heute gehalten. Mir war klar, das musst du verbreiten, eine größere Anzahl von Menschen muss das kennen.
Dienstlich verfügte ich damals schon über einen PC mit Drucker. 1989 was ganz besonderes in der DDR. Der Drucker war ein Walzen-Punktdrucker: primitiv, laut, langsam. Aber immer noch besser als alles mit der Schreibmaschine abzutippen. Endlospapier zu bekommen, war das nächste Problem. Eine Kollegin aus der Verwaltung gab mir ohne viele Fragen einige Tausend Blatt. Ich weiß nicht, ob sie was geahnt hat, verraten hat sie mich jedenfalls nicht.
Nun begann ich, die Vorlage abzutippen. Ich achtete auf den genauen Wortlaut, wollte nichts verändern. Aber es musste alles auf eine Seite passen, damit ich weniger Papier brauchte, kein Sortieren der Seiten erforderlich ist, und damit das Verteilen der Flugblätter funktioniert, denn ein aus zwei Blatt bestehendes Flugblatt kann man nicht verteilen. Mit viel Mühe bekam ich alles auf eine Seite, nun konnte der Druck beginnen.
Ich hatte Stapel mit 1000 Blatt Endlospapier, eine Seite dauerte bei dem Drucker bald zwei Minuten. Also war klar, das wird eine Nachtarbeit. Ich richtete alles so ein, dass der Druck alleine lief und deckte den lauten Drucker Schall mindernd ab. So konnte er die ganze Nacht arbeiten und am Morgen hatte ich 1000 Flugblätter. Das wiederholte ich einige Nächte lang.
Nun kam die Handarbeit: Blätter trennen, Lochränder abreißen. Die Fehldrucke und Lochrandstreifen habe ich dann im Garten im Ofen verbrannt – sicherheitshalber. Irgendwie fand sich auch ein Kollege, der für die Verteilung sorgte. Ihm konnte ich regelmäßig meine Ausbeute liefern, er brachte sie unter´s Volk. Ich verteilte auch einige, ebenso mein Sohn. Es gibt sogar eine Stasiakte, in der steht, dass ich den Aufruf weitergegeben habe. So machten wir es auch bei den zweiten und dritten Aufrufen des Neuen Forums, wir stellten jeweils einige Tausend Flugblätter her und verteilten diese.
Ich bekam im Oktober den Tipp, dass die Stasi nach uns sucht. Also hörte ich erst mal auf zu drucken. Dafür machte ich ein Transparent mit dem Text: Reformbrett. Das montierte ich im Betrieb über der Tafel, an der die SED, FDGB und DSF normalerweise ihre Aushänge anbrachten. So entfremdete ich die offizielle Kommunikationsplattform und wandelte sie in ein Forum betrieblicher Einungsäußerung um. Mein Reformbrett wurde auch rege genutzt, auch meine Flugblätter fanden den Weg dorthin. Es wurde, schon im Oktober 89, ein betriebsöffentlicher Ort revolutionärer Veränderung.
Am 4. November 1989 ging ich mit 15 weiteren Menschen, die ich alle dazu animiert hatte, auf die Demo am Alex. Heute bin ich stolz, dass ich in der Revolution gehandelt habe und danke meiner Frau, dass sie mich dabei unterstütz hat.
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An der Mauer

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