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Anni Müller: Mal in den "Westen" gucken |
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Wir schrieben den 10.11.1989. Die Züge nach Berlin waren mächtig voll. Alle wollten nach Westberlin. Nur wir nicht. Unser Ziel war Moskau, eine Flugreise, die ich schon Monate vorher als Auszeichnung erhielt. Mein Mann durfte mit, gegen Bezahlung versteht sich. Nun stimmten von Schwerin aus die Verbindungen nach Berlin natürlich nicht mit den Abflugzeiten überein. Wir mussten also schon morgens fahren, kamen so in das Gedränge und hatten in Berlin noch einige Stunden Zeit. Warum nicht auch vor dem 16 Uhr-Flug mal in den „Westen“ gucken? Per Bahn in Lichtenberg angekommen, bot sich der Übergang Oberbaumbrücke an. Nach mächtigem Drängen im Stadtbezirk Kreuzberg angekommen, bot sich uns ein sehr enttäuschendes Bild von der „Freien Welt“. Die DDR-Besucher hatten wohl noch das Ihrige dazu getan: Papier, leere Flaschen und Bierdosen lagen in Massen umher. Ein pfiffiger Geschäftsmann bot eine Tasse „Westkaffee“ für eine DDR-Mark an. Wir genehmigten uns diesen „Genuss“ und verließen schleunigst den Westen. Wir waren enttäuscht. Und das setzte sich auch bei unserem dritten Moskaubesuch fort. Die Geschäfte im GUM waren leer und im Hotel servierte man uns erst nach langem bitten und der Aufforderung des Kellners, doch in der Ecke Platz zu nehmen, eine Flasche Krimsekt, versteckt in einem großen Karton. Am Nachbartisch floss währenddessen Sekt in Strömen. Aber wir hatten ja keine harte Währung. So waren wir froh, nach einer Woche wieder in unserem schönen Schwerin zu sein. In Kreuzberg sind wir seitdem nicht wieder gewesen.
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Mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler.
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