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Am 01.09.1989 fing ich an im Restaurant Rübezahl am Müggelsee als Kellner in Berlin-Ost zu arbeiten. Damals ging ich als 19 jähriger in die Hauptstadt der DDR, in der Hoffnung, mich als Homosexueller frei bewegen zu können und auch in der Öffentlichkeit mehr akzeptiert zu werden. Dies war mir bis dahin verwehrt geblieben, da ich in einem sehr konservativen Umkreis (Kleinstadt Hoyerswerda) aufgewachsen bin. Dort war ich gezwungen, meine Veranlagung seit meinem 10. Lebensjahr zu verheimlichen und viele Rückschläge und Diskriminierungen mit mir selbst auszumachen, ohne mich dabei jemandem anvertrauen zu können, der meine Neigung verstand. Während der Zeit, in der ich im Restaurant Rübezahl arbeitete (bis zum 03.11.1989), lernte ich in einer Berliner Schwulendiskothek mit dem damaligen Namen „Buschallee“ meinen Freund Mario kennen. Innerhalb kurzer Zeit unterrichtete er mich darüber, dass er vorhabe, am 04.11.1989 von Ost-Berlin über Prag in den Westen zu fliehen. Es fiel mir in diesem Moment nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen, denn meine Eltern lebten noch immer zusammen mit meiner 12-jährigen Schwester Annett noch in Hoyerswerda. Sie wussten damals nicht über mein Verhältnis zu Mario bescheid. Mario versuchte mir in der Nacht vom 03. bis 04.11 den Westen schmackhaft zu machen. Überdies versprach er, mit mir zusammen zu bleiben und ein besseres Leben als gleichgeschlechtliches Pärchen im Westen zu führen. In dieser Nacht gehorchte ich nur der Stimme in meinem Herzen und ging allein aus Liebe zu diesem Menschen mit ihm über Prag mit dem Zug in eine ungewisse Zukunft gen Westen. Das war der 04.11.1989. Wir saßen im Zug, aus Prag kommend Richtung Schwarzenbeck. Mit uns im Zug waren unzählige Flüchtlinge, darunter eine Familie mit einem Säugling von erst sechs Monaten. Die Zugfahrt dauerte, bis wir im Aufenthalteslager in Schwarzenbeck ankamen, insgesamt 36 Stunden. Der Zug war mit ca. 1000 Flüchtlingen restlos überfüllt. Als wir im Aufenthaltslager ankamen, wurde jeder von uns mit 150,- Deutschen Mark empfangen. Zusätzlich bekamen wir noch alle nötigen Dinge wie beispielsweise Duschbad, Deodorantsprays, Zahnbürste oder Zahnpasta kostenlos zur Verfügung gestellt. Ich fühlte mich in diesem Moment wie in einer ganz anderen Welt, die ich vom Staatsbürgerunterricht in der Schule nicht kannte. Mein Freund Mario nahm am 06.11.1989 sofort Kontakt zu einem befreundeten schwulen Pärchen in Hamburg auf, um mit mir dort fürs Erste unter zu kommen, bis wir etwas Eigenes gefunden und uns umgemeldet hätten. Am 07.11. wurden wir dann von den beiden zu einem gemeinsamen Essen in der Stadt abgeholt. Die beiden Männer waren mir sehr sympathisch. Sie boten uns auch gleich an, erst einmal bei ihnen wohnen zu können. In diesem Moment freute ich mich auf eine gemeinsame Zukunft mit Mario. Nachdem wir aber das Restaurant verlassen hatten, teilte mir Mario mit, dass er sich eine gemeinsame Zukunft mit mir nicht vorstellen könne. Er könne mich nicht so lieben, wie er es eigentlich gern wollte. In den nächsten Stunden war ich nur noch sprachlos, wütend und sehr, sehr enttäuscht von Mario. In einer solchen Situation war ich froh, im Zug neue Freunde gewonnen zu haben. Ich wurde getröstet und wirklich keiner konnte Marios Entscheidung verstehen, zumal er mich zu dieser Flucht überredet hatte, um mit mir im Westen glücklich zu werden. Ich hatte nach diesen Gesprächen nur einen Gedanken: Jetzt, wo die Welt voll von gleichgeschlechtlich orientierten Männern war, musste er sich wohl nicht mehr binden. Er könnte doch jeden Tag jemand Neues haben. Er war endlich dort angekommen, wo er immer hinwollte, aber eben ohne an mich zu denken. Am 08.11.1989 wurden wir gebeten, eine Stadt im Westen anzugeben, in der wir jemanden kannten, wo wir erst einmal Unterschlupf finden konnten. Ich hatte Glück, denn ich hatte im August '89 an der Weltzeituhr in Berlin jemanden kennen gelernt, der mir seine Nummer gegeben hatte, falls ich mal Hilfe bräuchte. Ich konnte also zurück nach Berlin, um in der Nähe meiner Eltern und meiner Schwester zu sein. Am 09.11.1989 traf ich gegen 17.00Uhr mit dem Flugzeug in Berlin-Tegel ein und wurde um 19.00 Uhr von Jürgen abgeholt. Ich war so froh, endlich wieder in Berlin zu sein. Zum ersten Mal konnte ich die toll beleuchteten Schaufenster sehen, das Europacenter bis hin zum Reichstag und zum Brandenburger Tor. Zum Zeitpunkt des Mauerfalls stand ich auf einem der Dächer und habe all die Emotionen der Menschen sowie das Lied der Scorpions „Wind of Change“ in meinen weinenden Augen für immer festhalten können. Da mit Jürgen keine zweite Person in der Wohnung leben durfte, kam ich in den nächsten Tagen bei einem Vater mit seinen zwei erwachsenen Söhnen unter. Der Vater war homosexuell und verliebte sich in mich. Ich konnte seine Liebe aber nicht erwidern. Ich zog also zu Alfred, den ich auf einer Kneipentour am Ku'damm kennen gelernt hatte. Dieser ermutigte mich dazu, Kontakt zu meinen Eltern aufzunehmen und zu ihnen zurück zu kehren. Meine Mutter hatte in der Zeit, in der sie nicht wusste, wo ich war, einen Nervenzusammenbruch erlitten und meinen Vater gebeten, mich zurück zu holen, sonst würde sie sich scheiden lassen.
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