Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Wolf-Dieter Stoll: Angst vor dem Ertrinken

Am 29.10. 1989 traf ich mich mit meinem Freund Christoph, der war bereits 1988 ausgereist war und im damaligen West-Berlin lebte, in Prag. Er holte mich dort vom Bahnhof in Prag ab. Mit seinem PKW fuhren wir in Richtung Grenze CSSR-Ungarn.

Da ich bereits 1988 einen Ausreiseantrag gestellt hatte, wurde mir kein Visum für Ungarn genehmigt. Ich hatte die feste Absicht durch die Donau zu schwimmen, um von Ungarn aus nach Österreich zu kommen. Mein Freund wollte auf Ungarischer Seite der Donau auf mich warten.

Je näher wir der Grenze kamen, umso ängstlicher wurden wir. Schließlich sagte Christoph, er wolle das Risiko nicht eingehen, dass ich von Grenzsoldaten verhaftet oder beim Durchschwimmen der Donau ertrinke. Mit dieser Angst könne er nicht leben! Wir beschlossen wieder zurück Richtung Prager Botschaft zu fahren. In der Botschaft waren zu diesem Zeitpunkt schon Tausende DDR-Bürger. Irgendetwas musste da ja passieren.

Zurück nach Ost-Berlin zu fahren, das kam für mich nicht mehr in Frage. Ortsunkundig in Prag angekommen, machten wir uns auf die Suche nach der Westdeutschen Botschaft. Uns wurde sogar der Weg zur DDR-Botschaft erklärt – die Vermutung liegt nahe, dass das Stasi-Leute waren!

Endlich vor der Botschaft der BRD angekommen, sahen wir unzählige Reisebusse. Wir wussten nicht, was da los war. Aus dem Botschaftsgebäude strömten Hunderte von Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, auf die Reisebusse zu. Ich erkundigte mich, was denn los sei. Die Menschen jubelten und freuten sich, teilweise unter Tränen erzähle sie: Genscher wäre da gewesen und ihre Ausreise in die BRD sei genehmigt! Die Menschen waren alle sehr aufgeregt und überglücklich. Ich verabschiedete mich von meinem Freund und stieg in einen dieser Reisebusse.

So hatte ich das Glück, ohne die Botschaft von innen gesehen zu haben, mit dem ersten Zug von Prag über die damalige DDR auszureisen. Fünfzehn Jahre später ergab es sich, dass ich in einem Hotel, in Binz auf der Insel Rügen, Hans-Dieter Genscher sah. Leider fand ich nicht den Mut ihn anzusprechen, um ihm meinen Dank zu übermitteln. Vielleicht hat er die Möglichkeit, diesen Artikel zu lesen und kann so meinen Dank erfahren. Den Weg, den ich im Herbst 1989 gegangen bin, würde ich immer wieder gehen!


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Wolf-Dieter Stoll 1989