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Mit dem Alter von 19 Jahren wurde mein Land, die DDR, von einem anderen Land, die BRD, übernommen. 19 Jahre bin ich in der DDR groß geworden, hatte dort meine Kindheit, meine Jugend und meine Teenager Jahre verlebt. Dort hatte ich auch meine Schule und meine Lehre abgeschlossen.
Wie war das Leben hinter der Mauer, im Kessel oder im Osten, wurde ich oft gefragt. Ich wurde 1970 als Letzte von drei Kindern geboren, nein ich war kein Wunschkind. Und meine Eltern hatten sogar überleg, ob sie sich gegen mich entscheiden sollten. Es war sehr schwer Kinder groß zu bekommen. Trotzdem versuchten mir meine Eltern etwas zu bieten. Mit drei Kindern war das Leben in der DDR schwer. Wenn es in der „Zone" Obst gab, dann nur für die Kinder und dann auf Zuteilung. Ananas gab es nur in Büchsen in den Delikatessen Laden, aber einkaufen konnten dort nur die wenigsten, weil der Verdienst nicht ausreichend war dafür. Meine Eltern verkauften ihren Schmuck, um uns einen Camping Urlaub einmal im Jahr an die Ostsee zu leisten. Für uns als Kinder war es jedes Mal sehr schön, wir wollten ja nur toben und Spaß haben. Verpflegt wurden wir aus der Gemeinschaftsküche und wir wollten ja damals auch nicht mehr. Wenn wir abends angeln gehen wollten, dann mussten wir ständig unsere Ausweise mit uns tragen. Sobald es dunkel wurde, gingen die Polizisten auf Streife und kontrollierten jeden. Am Tage, wenn wir schwimmen wollten dürften wir keine Hilfsmittel mit ins Wasser nehmen. Luftmatratzen, Bälle oder gar ein Schlauchboot waren streng verboten, dass hätte bedeutet das man einen Fluchtversuch unternehmen wolle. So verbracht ich drei Wochen an der Ostsee, zehn Jahre lang am gleichen Platz und Fleck. In den restlichen fünf Wochen der Sommerferien arbeitete ich als Schüler in der sozialistischen Produktion, wo ich mein Taschengeld aufbesserte. Nach dem Schulunterricht der täglich auch samstags von acht bis vierzehn Uhr ging, war ich bei der Post als Paketzustellern tätig. Meine Eltern hatten ja nicht viel Geld, um mir meine Hobbys finanzieren zu können, sowie auch nicht meine Jugendweihereise und so musste ich nebenbei arbeiten. Am Wochenende fuhren wir immer in den Garten, dieser lag im Grenzgebiet der DDR. Um in diesen Bereich zu gelangen, musste jeder einen Passierschein haben. Diese bekamen die DDR Bürger ohne West Kontakte und mit einwandfreien Leumund. Für mich als Kind war es normal das Soldaten mit Hunden Streife gingen. Das sie bei uns in den Garten schauten, die Hunde sowie auch die Soldaten bei jedem Grillen Wurst und Bier bekamen. Die Beißkörbe der Hunde hingen meist so schlaff darüber, weil sie so stark abgemagert waren. Wir waren fast der letzte Garten an der Mauer und es war für mich Normalität. Das Baumhaus, was ich als Kind hatte, musste abgerissen werden, weil wir so über die Mauer schauen konnten. Ich hatte drüben im „bösen" Westen die Menschen gesehen und nicht verstanden, dass wir keinen Kontakt haben dürften. Es war normal, dass Soldaten von den Wachtürmen in den Garten schauten und mir zu winkten, ich war ein Kind. Das in der Nacht die Hunde an ihren Ketten jaulten und niemals aufhörten. Auch hörte ich damals dass geschossen wurde, die Rufe der Soldaten und musste so tun als wenn nichts geschehen wäre. Dort war der Passierschein mein ständiger Begleiter. Einmal wurde ich ohne den Passierschein und ohne Ausweis angetroffen und in Handschellen abgeführt. Ich wurde eine Weile auf dem Revier festgehalten und dann von meinen Eltern abgeholt, nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass ich nicht flüchten wollte.
Mit 16 Jahren lernte ich eine Gruppe anders denkender Menschen kennen. Diese Menschen öffneten mir nach und nach die Augen. Sie zeigten mir die andere Seite der DDR. Sie stellten mir einen Künstler vor, der im DDR Knast gesessen hatte. Ein Schriftsteller, der wurde in Dresden eingesperrt wurde, weil er seine Ansichten über die DDR aufgeschrieben hatte. Ich schaute von diesem Zeitpunkt alles mit anderen Augen an. Es war nicht mehr ein Kopfnicken, sondern ich hinterfragte von da an. Das blieb nicht lang dem Regime verborgen und an einen Tage erwartete mich zu Hause ein Mitglied der SED. Dieser versuchte mich zu überreden, in die SED einzutreten. Meine Eltern verstanden die Welt nicht mehr, sie waren Partei treu und ihre anderen Kinder auch, warum ihre Tochter nicht? Meine Eltern meinten nur, dass sie den Staat mit aufgebaut hatten und wir Stolz sein müssten. Aber wie konnte man auf ein Regime stolz sein, der seine Menschen unterdrückt und einsperrt? Wie, wenn es keine Meinungsfreiheit gibt, sondern Gefängnisse. Ich versuchte meine Eltern zu überzeugen, dass sie nirgendwo Urlaub machen konnten, wo sie wollten, weil sie eingesperrt waren. Wir waren eingesperrt in unserem eigenen Land. Meine Eltern sahen ein, dass sie mich nicht überzeugen konnten und ließen es dabei. Ich trat nicht in die Partei ein, wurde aber auf der Arbeit gemieden und meine berufliche Zukunft war auch erledigt. Die ersten Demonstrationen begannen; in dieser Zeit lernte ich meine erste Liebe kennen. Wir sahen unsere Zukunft nicht in der DDR. Wir wollten frei sein, wir wollten abhauen, über die Prager Botschaft. Ich hatte gerade meine Lehre bei der Deutschen Bahn beendet und arbeite am Ticket Schalter für Auslandskarten. Nachdem wir beschlossen hatten der DDR den Rücken zu kehren, wollten wir uns die Fahrkarten holen und los. Die Unruhen waren immer stärker geworden und zu meinen Schalter wurde nun ein Mitarbeiter der Stasi zugeordnet. Damit war die Chance zur Flucht vertan. Jeder der sich ein Ticket kaufte, wurde gleich am Schalter festgenommen. Bei einigen hatte ich Glück und konnte sie warnen, aber nicht die meisten. Mein Freund und ich gingen nun mit auf die Straße und demonstrierten unseren Willen gegen die DDR und ihr Regime. Wir sahen wie Soldaten auf die Menschen einschlugen und sie verhafteten. Ich wurde kurz vor der Mauer Öffnung verhaftet, über acht Stunden wurde ich verhört. Aber ich hatte Glück, ich durfte dann wieder gehen. Mein Freund und dich zogen uns zurück. Wir hatten Angst bekommen, ins Gefängnis zu kommen. Über Beziehungen hatte ich doch zwei Fahrkarten bekommen, nach Prag. Für mich war es damals nicht schwer, dass Land zu verlassen. Ich wollte alles sehen von der Welt und hasste es eingesperrt zu sein.
In der Nacht als die Mauer viel, waren wir auf einer Party. Wie hatten uns bei einen Kollegen getroffen, um einen gemütlichen Abend zu gestalten. Dort hatten wir einen schwarz-weiß Fernseher, der ständig flimmerte. Ein Schrei und alle versammelten sich vor dem Fernseher. Wir sahen die Pressekonferenz und hörten, dass die Grenzen offen seien. Wir hörten es, aber konnten es nicht glauben. Keiner sagte mehr ein Wort, nach einigen Minuten fielen wir uns in die Arme und weinten. Schnell zogen wir uns an und machten uns auf in Richtung Checkpoint Charlie. Hatte es sich ausgezahlt die Demonstrationen, die Vereinigung der DDR Bürger, den Ruf nach Freiheit? Konten wir endlich raus? Ein Leben in Freiheit?
Wir konnten es nicht glauben, was wir hörten und sahen. Die Grenzen sollten offen sein? So schnell wie wir konnten liefen wir zum Grenzübergang. Ich hatte Angst, dass wir nicht rüber dürften. Ich hielt mich an meinen Freund fest. Wir sahen uns an und wussten wir gehen weiter. Am Übergang standen wir mit vielen anderen DDR Bürgern und warteten dass sich die Grenzen öffneten. Der Ruf der Demonstration weitet sich aus und wurde stärker und lauter, „Wir wollen raus". Wir standen und warteten, sollte es doch wahr werden? Konnte ich alle diese Dinge im „Westen" selbst sehen, was mir sonst immer meine Oma erzählt hatte? Für einen kurzen Augenblick war ich traurig, meine geliebte Oma konnte das nicht mehr erleben. Sie hatte sich das so sehr gewünscht, sie sagt immer „eines Tages wirst auch du die andere Seite sehen". Es gab ein Schrei, und die Menschen setzten sich in Bewegung. Ja, ich sah wie die ersten DDR Bürger rannten, sie rannten auf die Seite der BRD. Sie waren drüben, sie hatten es geschafft. Wir liefen in die Richtung der Schlagbäume, vorbei am Stacheldrahtzaun und der Mauer. Sie war zum greifen nah, die Freiheit. Wir liefen an den DDR Grenzposten vorbei und lachten sie an. Wir hatten es erreicht, ein Volk hatte sich zusammen getan und die Freiheit erkämpft. Und im Rückblick heute auf diesen Kampf, haben die DDR Bürger allen Menschen der Welt gezeigt was und wie man etwas erreichen kann. Wir haben die Mauer zum fallen gebracht und jeder hat friedlich gekämpft. Wir nahmen uns in die Arme und dann war es geschafft, wir hatten den Boden der DDR verlassen. Ich sah in die Gesichter der anderen Menschen, viele weinten vor Glück. Eine alte Frau saß weinend an der Straße, sie rief nur „es ist wahr, wir sind frei". Jemand ging zur ihr und umarmte sie. Wir hatten alle den Todesstreifen überquert und sahen diesen nun von der anderen Seite. Hier sind Menschen getötet und verhaftet worden, weil sie das Land verlassen wollten. Jetzt gehörte die DDR mit ihrer Diktatur der Vergangenheit an. Auf der Seite der BRD standen die Grenzposten der Amerikaner. Wir gingen zu ihnen und ließen uns gemeinsam fotografieren, mit einem Kuss auf die Wange verabschiedeten wir uns. Schon ging es weiter, die Straßen waren voll, überall waren Menschen die uns zu jubelten und sich freuten. Es war ein Gefühl das alle Menschen der Welt auf den Straßen waren um uns in die Arme zu nehmen und uns willkommen zu heißen. Sie reichten uns die Hände und einige Frauen standen mit heißen Café und Tee am Rand, es wurden uns Becher gereicht und die Menschen schüttelten uns die Hände. Ein älterer Herr Namens Kurt sprach uns an, und sagte „kommt mit mir ich zeige euch die Stadt". Wir hatten nur zustimmend genickt und liefen nun zu dritt los. Meine Gedanken überschlugen sich und ich war fasziniert von den Lichter und der Helligkeit, die es überall zu sehen gab. Es war zu viel zu sehen. Kurt nahm uns mit zum Kurfürsten Damm in eine Kneipe und stellte uns vor. Überall wurden wir freudig empfangen und aufgenommen, als wenn alle auf uns gewartet hatten. Es war einfach unfassbar, alles war zu unvorstellbar. Es waren zu viel Menschen, alles war fremd. Überall war es hell und zum Gegensatz zu der DDR waren so viele Lichter überall zu sehen. Kurt war ein sehr netter Mensch, er nahm zwei fremde Menschen die gerade ihr Land verlassen hatten an die Hand und zeigte ihn alles.
Aber auch diese Nacht ging vorbei, es wurde hell. So viele Menschen waren auf den Straßen und so viele wussten nicht wo sie hin sollten und wie es weiter gehen sollte. Ihr zu Hause, ihre Arbeit das Land alles war einfach weg. Was sollten sie tun? Wir hatten uns entschieden, wir gingen zurück über die Grenze und hofften, dass wir jederzeit wieder gehen konnten. Wir wurden pflichtbewusst erzogen und konnten nicht einfach von der Arbeit weg bleiben. Ich ging direkt zu meiner Arbeitsstelle zurück, was ich dort vorfand war unbegreiflich. Ich war erschüttert was ich dort im Bahnhof sah. Eltern hatten dort ihre Kinder zurück gelassen und diese weinten nun und riefen nah ihre Eltern. Wir kümmerten uns alle um diese Kinder und auch die älteren Menschen die nicht mehr weiter konnten. Ein Land war zusammen gebrochen und die Menschen litten und freuten sich. Schmerz und Freude so dicht bei einander. Viele Menschen waren erschöpft, müde und hungrig. Keiner hatte eine Ahnung wie und wo sie hin sollten. Wir verteilten warme Getränke und Essen, von meinen Kollegen waren nicht viele gekommen. Die Welt war aus den Fugen geraten, jeder war sich selbst der nächste. Am Abend gingen wir wieder über die Grenze und wir spürten Hoffnung dass diese Grenze nie wieder geschlossen werden würde. Gemeinsam mit Kurt liefen wir durch Westberlin und schauten uns das an, was ich 19 Jahre nicht sehen dürfte. Wir wurden umsorgt und überall eingeladen, aber wir gingen jeden Tag zurück zu unserer Arbeit.
Heute suche ich die Blicke der Menschen die stolz sagen, dass sie ein „Wessi" sind. Dann frage ich sie, „was ist ein Wessi und was dann ein Ossi?". Heute wird geschimpft über den „Ossi" und das der Mensch aus dem Westen alles bezahlt hat für den „Ossi". Die Menschen hatten etwas bewegt sie hatten diese Mauer die es hätte nie geben sollen, friedlich zum Einsturz gebracht.
Nicht nur die Jugend ist unwissend, auch einige der älteren Menschen der BRD wissen nicht wann die Mauer gefallen ist und wie. Sie haben damals die Augen verschlossen und schließen sie noch heute. Mir hat letztens ein älterer Herr gesagt, dass ich das Gemüse aus meinem Garten nicht essen kann, weil es verseucht ist. Das nach fast 20 Jahren zu hören, geht über mein Verständnis. Kaum jemand möchte sich über diese Zeit des Umbruchs noch unterhalten, auch einige Menschen haben Scheu zu sagen dass sie in der DDR groß geworden sind. Einige mit denen ich mich unterhalten habe, flüstern dass man sie komisch anschaue, wenn sie sagen dass sie aus der DDR kommen. Ich bin froh und traurig zugleich, als Kind hatte ich alles was ich brauchte. Ein Zuhause, dort war ich glücklich. Sobald ich aber anfing, mir über das Land und meine Zukunft Gedanken zu machen, wusste ich das ich nicht mehr in diesem Land bleiben konnte. Ich kann mich heute noch daran erfreuen, was ich alles erkämpfen konnte. Die Mauer ist zu Krümeln zerfallen und diese Krümel sollen zusammengesetzt werden zu Zeugnissen der Erinnerung für die nächste Generation.
Manuela Scholz Geboren am 17.10.1970 in Berlin (Ost)
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