Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Edelgard Jeske: Wie ich die Tage der Maueröffnung persönlich erlebte

Donnerstag, 09.11.1989

Die im Fernsehen Ost und West übertragene Pressekonferenz, auf der Günter Schabowski (der für Information zuständige ZK-Sekretär) mitteilte, dass der Ministerrat auf Anregung des Politbüros die kurzfristige Visa-Vergabe ohne Nennung triftiger Voraussetzungen beschlossen habe, hatte ich verfolgt. Aus dieser eher beiläufigen und missverständlichen Mitteilung von Schabowski, (Zufallsversprecher? oder Kalkül?) haben wir allerdings keineswegs geschlussfolgert, dass die Mauer sofort geöffnet wird.

Freitag, 10.11.1989

Am nächsten Morgen in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit, sagten einige Kollegen, dass sie todmüde seien. Auf die Nachfrage, warum, erzählten sie, dass sie in der vergangenen Nacht den Berliner Kudamm auf und ab gelaufen wären. Es war eine unbeschreibliche Stimmung. Ich glaube, an diesem Tage war die Öffnung der Mauer überall das beherrschende Thema. Für dieses Wochenende, in das die Öffnung der Mauer fiel, war ich mit einigen Frauen, die ich bei einer Kur in Sellin kennen gelernt hatte, verabredet. Im Vorjahr hatten wir uns in Leipzig getroffen und im Schauspielhaus „Die Richtstatt" von Aitmatow, in der DDR 1987 erschienen und viel diskutiert, angesehen. 1989 sollte also das jährliche Treffen in Berlin stattfinden und der jährlichen Tradition folgend, auch wieder durch einen Theaterbesuch gekrönt werden. Da die Vorstellungen in den DDR-Theatern meist ausverkauft waren, war ich happy, Monate vorher Karten für das Soloprogramm von Eberhard Esche „Deutschland. Ein Wintermärchen" von Heinrich Heine im Deutschen Theater für den 11.11.1989 erstanden zu haben. Als ich die Frauen vom Bahnhof abgeholt hatten, gingen wir Unter die Linden und zum Brandenburger Tor. Leute tanzten auf der Mauer. Wir konnten es eigentlich nicht so richtig fassen, was wir da sahen und fürchteten immer, dass aus irgendeiner Seitenstraße plötzlich Mannschaften anrückten und die Freudentänze knüppelnd beenden. Das Gefühl war gar nicht so abwegig, folgt man den Äußerungen von Krenz bei der Vorstellung seines Buches „Gefängnis-Notizen", am 11.02.2009, „.......wir mussten entscheiden, ist das nun ein organisierter Grenzdurchbruch vom Westen her oder nicht".

Samstag, 11.11.1989

Wir haben natürlich unser Programm operativ [bester DDR-Jargon] geändert. Wir reihten uns in die endlose Warteschlage am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße ein, die sich fast bis zum Alexanderplatz ausdehnte. Trotz der langen Wartezeit war eine frohe Stimmung in dieser Menschenmasse. Ein tolles Gefühl, als wir endlich den Kontrollpunkt erreicht hatten und ohne Formalitäten durchgewunken wurden. Da es ein Samstag war, standen Westberliner Spalier und begrüßten uns jubelnd. Einige kamen mit Tee und anderen Getränken, Backwerk und Keksen, völlig fremde Leute fielen sich lachend und weinend in die Arme. Wahnsinn! Wir haben uns dann ein Stückchen des Westteils von Berlin angesehen, wir wollten aber auf unseren Theaterbesuch nicht verzichten. Eine Überraschung erwartete uns. Der Theatersaal war gähnend leer, obwohl das Haus, wie ich ja wusste, ausverkauft gewesen war. Verloren saß vielleicht eine handvoll Menschen vereinzelt in den Reihen. Da wir Plätze in einer der hinteren Reihen hatten, wurden wir gebeten, uns doch in die erste Reihe zu setzen. Der Schauspieler sollte nicht den Eindruck habe, er spiele vor einem völlig leeren Haus. „Deutschland. Ein Wintermärchen", die Aufführung an diesem Tag werde ich nicht vergessen. Angesichts der Ereignisse der letzten Tage lief uns bei den ersten Zeilen des Gedichtes ein Schauer über den Rücken, auch wir waren ja an diesem Tag bis an und sogar unbeschadet über eine deutsch-deutsche Grenze gekommen, auch uns „begannen die Augen zu tropfen". Caput I: Im traurigen Monat November war's, Die Tage wurden trüber, Der Wind riss von den Bäumen das Laub, Da reist' ich nach Deutschland hinüber. Und als ich an die Grenze kam, Da fühlt' ich ein stärkeres Klopfen In meiner Brust, ich glaube sogar Die Augen begannen zu tropfen. Und als ich die deutsche Sprache vernahm, Da war mir seltsam zumute; Ich meinte nicht anders, als ob das Herz Recht angenehm verblute. Welch ein Zufall, gerade hier und heute Heines Gedicht von 1844 mit nachvollziehbaren Gefühlen zu hören. Es entsprach den erlebten Ereignissen vom Tage und dem, was da draußen vor der Tür gerade ablief. Eberhard Esche, immer ein brillanter Schauspieler, übertraf sich an diesem Abend aber selbst. Er machte Zugaben ohne Ende für uns Handvoll Besucher. Wir waren ein bisschen traurig, dass nur so wenige Menschen diese tolle Vorstellung erlebt haben, bedankten uns aber mit besonders viel Applaus. Den Abend haben wir dann im „Wein ABC" ausklingen lassen. Einfach Wahnsinn!

 


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