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Wann genau wir in Richtung Prag aufgebrochen sind, weiß ich nicht mehr, aber es muss wohl Mittwoch, der 27.9 gewesen sein. An diesem Mittwoch sollte eine große Schulveranstaltung stattfinden, von der mich meine Eltern haben befreien lassen, da es nur an einem Mittwochnachmittag möglich war, jemanden im Krankenhaus zu besuchen. Zu dieser Zeit lag gerade meine Omi im Krankenhaus in Erlabrunn. Nachdem ich mittags von der Schule nach Hause gekommen bin, waren meine Eltern schon zu Hause und meine Mutter hatte eine Tasche gepackt. Sie sagte mir, sie hätten eine Überraschung für mich, wir (meine Eltern und ich) würden in die Tschechei in eine Therme zum Baden fahren. Sowas war nicht gänzlich ungewöhnlich für uns, da wir nicht einmal 20km weit von der Grenze weg gewohnt haben. Auf der Autofahrt zur Grenze kann ich mich noch erinnern, dass meine Eltern sehr schweigsam waren, und es eine etwas unheimliche Atmosphäre gab. An der Grenze ist mein Vater dann ganz nervös geworden, weil er seinen Ausweis nicht gefunden hat. Erst alles im Auto durchsucht, dann zum Kofferraum , dann wieder vorne in der Jacke schauen, dazwischen meine Mutter anblaffend, wo sie ihn wohl hin hätte, ... , als er ihn dann endlich gefunden hatte, konnten wir die Grenze wie gewohnt passieren, mit unserer kleinen Tasche mit Badesachen haben wir uns auch nicht verraten können, dass wir vorhaben länger zu bleiben. Da ich die Strecke zur Therme kannte, ist mir sofort aufgefallen, dass wir in die falsche Richtung abgebogen sind, in die Richtung in die groß „Prag" als Fernziel stand. Und auch wenn ich gerade erst elf Jahre alt war, so habe ich doch die Nachrichten mitbekommen, und ich hatte auch mitbekommen, dass meine Eltern schon über 2 Jahre probiert haben, einen Ausreiseantrag genehmigt zu bekommen. Auf jeden Fall sind mir sofort die Tränen in die Augen geschossen und auf mein „ähm, wir sind doch falsch gefahren" hat mir meine Mutter gesagt, dass wir nach Prag fahren, und versuchen wollen in die Botschaft zu kommen. Die komplette Fahrt über war es eine sehr angespannte Situation im Auto, meine Mam hat mir später mal erzählt, dass die Stunden, die ich hinten im Auto weinend saß zu ihren schwersten gehört haben, aber sie hatten ein Ziel und das haben sie verfolgt. Meine Eltern waren keine politischen Flüchtlinge, keine Intellektuellen oder welche die wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Nein, sie waren ganz normale Arbeiter, die einfach das sagen möchten was sie denken, dorthin reisen/gehen können wo sie hinwollen, und für ihre Kinder eine Zukunft haben, in der sie sich ihre berufliche Zukunft frei gestalten können. Später habe ich auch erfahren, dass sich mein Vater, nachdem wieder einmal ein Ausreiseantrag abgelehnt worden ist, zusammen mit einem Freund auf den Weg nach Ungarn gemacht hat, um dort über die grüne Grenze zu flüchten und uns dann nachzuholen. Aber diese Aktion stand unter keinem guten Stern: Auf dem Weg dorthin ist das Auto kaputt gegangen und somit war die Reise nach Ungarn geplatzt. Na gut, irgendwann erreichten wir Prag, wir kannten uns etwas in der Stadt aus, nachdem wir dort schon zweimal waren. Unser Auto, ein Trabi, wurde auf der anderen Seite der Stadt geparkt, und von dort ging es dann zu Fuß ins Zentrum, zu den typischen Touristenzielen. Von dort ging es mit ständigem Umschauen zur dt. Botschaft. Als typische Touristen „verkleidet" liefen wir vor der Botschaft entlang, hier war aber alles mit tschechischer Polizei versehen und ein Durchkommen zum Eingang der Botschaft war absolut nicht möglich. Meine Eltern sind dann einen riesigen Bogen gelaufen, ich dachte wir kommen nie an einem Ziel an. Die amerikanische Botschaft hat uns als Orientierungspunkt gedient, da sie sich in der Nähe zur deutschen Botschaft befand und aufgrund ihrer Größe schon von weitem zu sehen war. Nachdem wir im Park hinter der Botschaft waren, haben wir uns sehr langsam und vorsichtig vorwärts bewegt, es war wie beim Indianer und Cowboy spielen, bloß mein Grummeln im Bauch hat mir gesagt, dass dies hier „echt" ist und ich mich gar nicht wohl in dieser Situation fühle. Als dann die Botschaft zum Greifen nahe war, haben mir meine Eltern eingeschärft, ich soll so schnell wie möglich zum Zaun laufen, dort wären Leute die mir weiterhelfen würden. Natürlich bin ich nicht alleine losgerannt, ich hatte die Hand meiner Mutter so fest es geht in der Hand. Meine Panik, vielleicht alleine da stehen zu können, war viel zu riesig. Auf der anderen Seite des Zaunes standen dann auch viele Männer, die erst mir, und dann meinen Eltern geholfen haben, über diesen, für mich gigantisch hohen Zaun zu kommen. Da ich nicht grad sportlich bin, habe ich mich auch wie ein nasser Sack angestellt, und mir eine von diesen dummen Spitzen in den Bauch gepikst. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, standen auch in einiger Entfernung Polizisten, aber die haben keine Anstalten gemacht uns aufzuhalten. Als wir dann „drin" waren, haben uns die Leute vom Zaun gleich gesagt, wie es hier vor sich geht, und wo man sich „anmelden" soll. Also gleich dorthin, und dabei durch eine gigantische Anzahl von Menschen hindurch laufen, über einen Rasen der kein Rasen, sondern nur noch ein riesiges Schlammloch war. Nach einigem Anstehen haben wir uns angemeldet, und meine Eltern haben angegeben, dass sie das Angebot von „Anwalt Vogel" annehmen wollen. Dieses sollte einem ermöglichen ohne juristische Konsequenzen zurück in die DDR reisen zu dürfen, und innerhalb von sechs Monaten offiziell ausreisen zu dürfen. Für meine Eltern war es sehr wichtig zurück zugehen und sich selbst darum zu kümmern, einen Haushalt aufzulösen und vor allem, meinen Bruder, der sich damals im Internat befand zu informieren. Dieser wusste nichts davon, es gab nur einen Brief meiner Eltern, den sie in seiner Wäsche versteckt hatten und den er am Freitag in die Hände bekommen sollte, wenn er fürs Wochenende nach Hause kommt. Mein Bruder war damals fast volljährig und meine Eltern hatten ihm die Entscheidung freigelassen, ob er auch in die BRD will, oder ob er seine Zukunft in der DDR gestalten will. Nachdem er sehr „heimatverbunden" ist, entschied er sich für die DDR und meine Eltern hatten das Sorgerecht bereits meinen Großeltern übertragen, für den Fall, dass es eines Tages „schnell" gehen müsste. Bei der „Anmeldung" wurde meinen Eltern dann mitgeteilt, dass sich diese Genehmigung etwas hinzieht und es etwas dauern kann, bis sie etwas Schriftliches bekommen, solange müssten wir hier bleiben. Meine Mutter und ich hatten sehr großes Glück, wir haben ein Bett in der ausgeräumten Bibliothek bekommen. Sogar eines, dass unten war, und wo ich nicht erst in die 3. oder 4. Etage hochklettern musste. (Nach meiner Erfahrung mit dem Zaun, und bei meiner Höhenangst, ein doppelt glücklicher Umstand) Mein Vater hatte seinen Schlafplatz unter dem großen Balkon im Freien zugewiesen bekommen, dort wurden gerade 4-stöckige Hochbetten aufgebaut. Dann ging unser Alltag los, unser Alltag bestand eigentlich nur aus „anstehen". Anstehen, für die Morgentoilette, anstehen für das Frühstück, anstehen für das WC, anstehen fürs Mittag, prophylaktisches Anstehen fürs WC, und wieder Standortwechsel zum Anstehen für das Abendessen. Dazwischen manchmal ein kurzes Ausruhen im Bett, welches übrigens jede Nacht „Zuwachs" bekommen hat. An den Fußenden saßen rechts und links immer Mütter mit ihren Kleinkindern auf dem Arm, von Stunde zu Stunde wurden es mehr Leute um einen herum, immer mehr und mehr, Junge, Ältere und viele Kinder. Zum Glück gab es sogar ein paar Bücher für mich zum Lesen. Lesen war schon immer meine Zuflucht, und auch hier konnte ich dies haben, mit Büchern von Pippi Langstrumpf, keine Ahnung wo diese hergekommen sind. Aber für mich waren sie ein Schatz, von dem ich sogar später eines mitgenommen habe. Es kamen jeden Tag so viele Leute in die Botschaft, dass die Schlangen zum Anstehen immer länger wurden, aber man mag es kaum glauben, ich habe niemals wieder so saubere „öffentliche" WC-Anlagen erlebt. Und auch die Leute waren trotz allem recht entspannt, und überhaupt nicht muffelig oder auf „Streit" aus. Ich fand alles einfach nur sehr seltsam, dass es derart hohe Etagenbetten gibt, dass man in solchen Betten im Freien schlafen kann, dass die Treppen im Haus so breit sind, dass auch hier die Leute drauf geschlafen haben. Inzwischen sind wir schon ein paar Tage vor Ort und auf einmal kommt Unruhe auf, es heißt Genscher sei in der Botschaft, und es gäbe demnächst eine Rede! (Mir kommt jetzt noch die Gänsehaut wenn ich daran denke) Meine Mama schickt meinen Vater und mich raus in den Park, sie selber wollte die Gelegenheit nutzen, die Waschräume aufzusuchen. Als es dämmrig wird, und die Stimmung langsam immer angespannter wird, treten eine Menge Leute auf den großen Balkon. Ich habe solche Angst und Panik von meinem Vater getrennt zu werden, dass sich meine Hand in seiner verkrallt. Auf einmal tritt ein Herr (Genscher) ans Mikro und die Menschenmasse verstummt. Dass es überhaupt eine solche Ruhe bei sovielen Leuten geben kann, ..., nicht wirklich vorstellbar. Und dann war es soweit „ Ich bin heute gekommen um Ihnen zu sagen, dass..." viel weiter ist er nicht gekommen, die Menschen jubeln und alle liegen sich in den Armen, gestandene Mannsbilder brechen in Tränen aus. Doch dann, kommt der Hammer, der sich wie eine Eiswolke über die Euphorie der Masse legt, die Bedingungen! Wir müssen mit einem Zug ausreisen, und dieser fährt über das Gelände der ehemaligen DDR. Die Stimmung ist innerhalb von Sekunden gekippt, erst ist noch reine Freude in den Gesichtern zu lesen, jetzt wird diese durch Panik ersetzt. Aber gut, ..., es heißt in einer Stunde gehen die ersten Busse zu den Zügen, die Leute sollen sich bereithalten. Wir suchen meine Mutter, die das ganze im Innern des Hauses mitbekommen hat, auf der Treppe ist sie Genscher noch begegnet, als dieser sich zurückzieht. Unsere 3 Dinge sind schnell gepackt, aber jetzt wird überlegt, da wir ja eigentlich gar nicht so schnell und auf diese Art und Weise ausreisen wollten, aber die Chance ist einmalig, und die andere Alternative war nicht mehr greifbar. Also gut, wir reihen uns auch in die Schlangen, die in Richtung Bus wollen ein. Doch vorher müssen wir, wie auch alle anderen, unsere Autoschlüssel und Fahrzeugpapiere abgeben und angeben wo sich unser Auto befindet. Nachdem wir die Botschaft durch das Portal verlassen haben, machte sich wieder Angst breit. Was wenn jetzt die Polizei kommt und uns doch alle einkassiert? Wie viel ist das Wort eines Außenministers Genscher wert, dass unser Abzug friedlich verläuft, und keinem etwas passiert? Überall stehen Soldaten mit Maschinengewehren. Nach einiger Zeit können wir auch in einen Bus einsteigen und fahren durch die Prager Nacht in einen Vorort, wo wir wieder aussteigen müssen, und wo wir in einen Bahnhof gehen. Dieser ist schon ziemlich voll! Aber es sind nur Deutsche dort, es ist kein öffentlicher Bahnhof bzw. scheint er gänzlich abgeriegelt zu sein. Dann geht das furchtbare Warten wieder los! Wir müssen im Innern des Bahnhofes mit allen anderen zusammen warten, und dürfen nicht auf die Gleise raus. Bei jedem Zug der einfährt, halten alle die Luft an, und warten darauf dass er zu bremsen anfängt! Ich weiß nicht wie oft wir dieses Hoch, gefolgt von einem schrecklichen Tief über uns ergehen lassen mussten. Auf einmal setzt sich die Masse in Bewegung und auch wir rennen mit, ich wieder fest in die Hand meiner Mutter verkrallt. Wir rennen auf ein Bahngleis, und dort steht ein Zug in den sich die Leute drängen, wir steigen ein, und haben wiedermal wahninniges Glück, wir bekommen einen Sitzplatz! Vorerst fällt die Anspannung etwas ab, ich bin so erschöpft und will nur noch sitzen,...., als sich der Zug nach einiger Zeit in Bewegung setzt, stellen wir fest, dass bei uns im Wagen auch ein Herr mit Anzug ist, einer der nicht so typisch nach „Osten" ausschaut. Er stellt sich uns als Herr Elbe vor, und ist einer der Herren, die den Zug offiziell begleiten werden. Herr Genscher hatte schon auf dem Balkon gesagt, dass in jedem Zug eine Begleitung des Auswärtigen Amtes sein wird. Irgendwie ist es ein beruhigendes Gefühl jemand „Offizielles" an seiner Seite zu haben. Die Fahrt zieht sich dahin, und die Stimmung ist ganz O.K., bis zu dem Zeitpunkt als wir die Tschechisch-Deutsche Grenze passieren. Es macht sich wieder diese schleichende Angst breit. Keiner mag sich mehr unterhalten, und alle schauen nur angespannt zu den Fenstern raus. Irgendwann fällt auf, dass an diesem Tag wohl der große Waschtag der DDR ist, entlang der Bahnschiene hängen reihenweise weiße Bettlaken, weiße Handtücher und überhaupt weiß dominiert! Dann kommt der Moment vor dem alle am meisten Angst haben: Der Zug stoppt in einem Bahnhof. Auf diesem befinden sich mehrere Herren, die von der Stasi sind, und durch den Zug gehen sollen um den Leuten ihre Ausweispapiere abzunehmen. Herr Elbe begleitet diese Herren, und überwacht das Vorgehen. Er ist auch als ausgleichendes Gewicht da, falls die Stimmung zu kippen droht. Ein letzes Mal spielt die DDR ihre Macht aus, indem sie die Ausweispapiere abnimmt, und somit die Leute zu Staatenlosen erklärt. Als auch dieses Prozedere endlich vorbei ist, und die Herren aussteigen, atmen alle durch. Herr Elbe nimmt seinen Platz bei uns im Wagen wieder ein, und dann,... ja dann kommt der Geldregen, aus jedem Fenster des Zuges fliegt auf einmal Kleingeld auf das Gleis, was soll man denn mit einer Währung eines Landes, das man hinter sich lassen will! Der Zug rollt an, und Erleichterung macht sich breit. Die Grenze kann nicht mehr weit sein. Ist sie auch nicht. Aber noch einmal wird es spannend, da der Zug an der Grenze hält die Lokführer im „Niemandsland" wechseln. Und schon geht die Fahrt weiter. Weiter über die deutsch-deutsche Grenze hinweg! Der Jubel, die Freude, aber auch die Fassungslosigkeit es endlich geschafft zu haben sind riesig! Herr Elbe gibt meiner Mutter eine Telefonnummer unter der er sie bittet in Kontakt zu bleiben, es interessiere ihn persönlich sehr wie es uns weiter ergehen wird, in der Zeit die vor uns liegt. Und schon hält der Zug in Hof, obwohl meine Eltern immer nach Richtung Schweinfurt wollten, weil es dort viel Industrie gibt. Aber irgendwie müssen wir wohl die Züge vertauscht haben, denn auf einmal sitzen wir in einem Zug nach Bayreuth, meine Hände voll mit Süßigkeiten und Obst, das mir fremde Leute in die Hand gedrückt haben. Überraschungseier sind wirklich was ganz tolles. :-) Inzwischen ist es Nachmittag, die Sonne scheint und wir steigen in Bayreuth aus dem Zug aus, dort wartet der BGS auf uns und bringt uns für ein paar Nächte in die BGS Kaserne. Von dort aus starten meine Eltern mit mir in ein neues Leben. Und wie es der Zufall so will, lebe ich heute Vis-a-vis des Bahnhofes in Bayreuth, und ich kann in meinem Beruf und auch in meiner Freizeit dorthin reisen, wo ICH hinwill.
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