Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Andreas Reichel: Flucht über die Prager Botschaft
Ich bin am 01.03.1959 in Dresden geboren. Seit 1986 hatten wir (meine Frau Bettina, Kinder Björn und Lars) einen Ausreiseantrag laufen, der aber immer abgelehnt wurde. Im Sommer 1989 hatten wir eine Urlaubsreise nach Ungarn gebucht. Wir hatten dort schon den Plan, eventuell nicht mehr in die DDR zurückzukehren. Da unsere Kinder damals aber im Alter von 9 und 5 Jahren waren, wollten wir kein zu großes Risiko eingehen. In der Botschaft in Budapest fanden wir keine Aufnahme und so sind wir am Ende des Urlaubes wieder Richtung Tschechien gefahren. In der letzten Stadt in Ungarn teilte sich die Straße. Links ging es nach Österreich und rechts nach Tschechien. Vor uns fuhr ein Bus aus Österreich und so fuhr ich ihm einfach hinterher. An der Grenze zu Österreich sprangen mir dann bewaffnete ungarische Grenzer entgegen und hielten uns an. Nun dachten wir, jetzt ist alles aus. Zu diesem Zeitpunkt waren die Ungarn aber schon sehr gemäßigt. Sie nahmen unsere persönlichen Daten auf und wiesen uns die Richtung nach Tschechien. Also ab nach Hause. Es war genau die Nacht, als in Soppron die Grenze geöffnet wurde. Dies hörten wir dann am nächsten Tag im Radio schon zu Hause in Dresden. Wir waren daraufhin sehr niedergeschlagen. Nun haben wir schnellstens ein neues Visum für Ungarn beantragt, das aber "aus nationalen Sicherheitsgründen" abgelehnt wurde. Jetzt saßen wir endgültig in der Falle. Ich verfolgte im Radio immer die Ereignisse in den Botschaften. So reifte nach und nach in mir der Entschluss, über die Prager Botschaft zu flüchten. Immer wenn ich morgens zur Arbeit gefahren bin, hatte ich einen Karton mit den wichtigsten persönlichen Sachen unter dem Arm, die ich dann bei einem sehr guten Freund deponierte. Am Freitag, den 30.09.89, ging ich wie gewohnt zur Arbeit, mit dem festen Ziel, dass dies mein letzter Arbeitstag sein wird. Ich hatte keine Ahnung, wo in Prag die Deutsche Botschaft ist. Ich machte auch kein Geheimnis aus der Absicht zu flüchten. Verrückt was? Mein Arbeitskollege holte einen Stadtplan aus seinem Auto und zeigte mir die Prager Botschaft. Um 15.00 Uhr kam meine Frau zu mir und holte mich von der Arbeit ab, um Wochenendeinkäufe zu tätigen. Erst jetzt unterrichtete ich sie von meinem Plan. Sie willigte ein, obwohl ich sie einfach überrumpelt hatte. Sie wusste nicht was uns erwartet. Ich ja auch nicht, aber es war unsere letzte Chance. Da wir im Besitz eines durchaus gepflegten Ladas waren (zu DDR-Zeiten gab es nichts besseres), sind wir, nachdem wir eine Reisetasche gepackt hatten, zu meinem Freund Dietmar. Ich schenkte ihm unser Auto und er gab mir dafür seinen verrosteten Polski-Fiat. Unseren Kindern sagten wir nur, wir machen uns ein paar schöne Tage im Riesengebirge. Abends gegen 17.00 Uhr ging die Reise in die Freiheit mit der alten Rostlaube los. Nachdem wir die Grenze zu Tschechien mit einer Kontrolle (unsere Herzen rasten) hinter uns hatten, sagten wir unseren Kindern die Wahrheit. Es herrschte große Freude im Auto, auch wenn die Kinder noch klein waren. In Prag angekommen, standen schon überall am Straßenrand viele Autos mit DDR-Kennzeichen. Nun finde mal im Dunkeln die Prager Botschaft. Da kam mir die Idee, einen Taxifahrer zu fragen. Es standen ja genügend am Taxistand. Meine Auswahl hat mich nicht enttäuscht und es war wohl ein Lottogewinn. Er wusste was Sache war und sagte, ich soll doch einfach hinter ihm herfahren. Nun begann die letzte Fahrt: in die Freiheit oder ins Gefängnis. Das letzte Stück zur Prager Botschaft war aber gesperrt. Überall Militär. So kam es, wie es kommen musste. Wir wurden gestoppt. Der Taxifahrer verhandelte mit den Soldaten und machte uns klar, wir sollten das Auto parken und in sein Taxi steigen. Was blieb uns anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Er konnte kein Wort deutsch, es ging alles mit Händen und Füssen. Ich muss kurz erwähnen, dass die Botschaft ja bekanntlicherweise zu diesem Zeitpunkt bereits total überfüllt war und wir wussten, wir müssen einen Weg über den Zaun finden. Unser Fahrer fuhr an allen Soldaten vorbei bis zum Eingang der Botschaft. Dort dankte ich ihm und gab ihm all mein umgetauschtes Geld. Da damals ja ein Zwangsumtausch festgelegt war, handelte es sich um mehrere hundert Kronen. Er war überglücklich und wir stiegen aus. In diesem Moment öffnete sich der Haupteingang der Botschaft, da ein Versorgungsfahrzeug aus Deutschland eingetroffen war. Mit blindem Verstehen nahm ich unseren großen Sohn und meine Frau unseren kleinen Sohn auf den Arm und wir rannten so schnell uns die Füße tragen konnten. Wir hatten es geschafft und standen in der Botschaft. Ich kam mir vor wie auf dem Fussballplatz, so viele Menschen. Es gab ein ordentliches Hallo, da auf diese Weise offensichtlich noch keiner die Botschaft betreten hatte. Mittlerweile war es ca. 22.00 Uhr. Sofort kamen relativ jugendliche Betreuer in Zivil auf uns zu und nahmen uns mit zu einem Zelt. Selbst dort war ich noch sehr misstrauisch und hatte Angst um unsere Kinder. Ich wusste, die Stasi sitzt auch hier. Plötzlich waren meine Frau, meine Kinder und die einzige Reisetasche, die wir hatten, weg. Ich stand alleine da. Nach der Registrierung kam plötzlich meine Frau wieder und sagte mir, dass Frauen und Kinder wenigstens im Haus untergebracht sind, obwohl keine Betten mehr frei waren. Sie saßen auf einer Treppe. Ich musste sehen, wie ich mir die Nacht um die Ohren schlage. Aber man hatte so viel zu erzählen, so dass die Zeit schon verlief. In den frühen Morgenstunden wurde mir dann mächtig kalt. Toll, meine Jacke war in der Tasche bei meiner Frau. Die zu finden war unmöglich. Alles überfüllt, Toiletten war ein Fremdwort. Wieder fanden mich meine Frau und meine Kinder am nächsten Morgen. Wir stellten uns dann erst einmal nach Kaffe an. Ich weiß nicht, ob jemand das nachvollziehen kann: Wir standen fünf Stunden nach einer Tasse Kaffee an. Wahnsinn, aber es war so. Jeder hatte irgendetwas zu tun. So half ich dann bei meiner Frau weitere Betten aufzustocken. Zum Schluss waren es Betten bis unter die Decke mit vier Etagen. Oben konnte nur jemand ohne Höhenangst schlafen. Während des Aufbaus ging das Gerücht "Genscher sei in der Botschaft" umher. Alles strömte nach draußen. Auch meine Frau mit unserem kleinen Sohn. Ich blieb und schaute mit vielen anderen aus dem Fenster. Tatsache, Hans-Dietrich Genscher kam. Dann fiel der bekannte Satz: Ich bin heute zu euch gekommen......... Da laufen mir heute noch die Tränen über das Gesicht. Es war geschafft, wir waren frei.Endlich frei, unglaublich. Nach einigem Durcheinander ging es dann zum Ausgang der Botschaft. Wir mussten den ganzen Weg bis ins Tal zu Fuß gehen, dort standen die Busse zum Abtransport. Jeder hatte Angst die Botschaft zu verlassen und zu Fuß durch Prag zu gehen. Da Familien mit Kindern die ersten sein sollten, kam es dazu, dass wir unter den ersten fünf Familien waren. Ich redete den anderen zu, wenn Genscher sagt, wir sind frei, dann stimmt das auch. Wir liefen durch ein Spalier von Soldaten und ich hatte ein triumphierendes Lächeln im Gesicht. Ich war mir hundert Prozent sicher, es hat funktioniert. Wir wurden dann zum Prager Bahnhof gefahren und dort begann die letzte Schikane der tschechischen Soldaten. Wir wurden wie Vieh in eine Wartehalle getrieben und durften dort noch Stunden ausharren. An den Fenstern lief bereits das Kondenswasser runter, so dünn und heiss wurde die Luft. Es gab Erschöpfte und Verzweifelte. Gegenseitig machten wir uns Mut. Im Zug hieß es dann, wir fahren wieder über DDR-Gebiet. War mir auch egal, wie fuhren ca. 1000m Luftlinie in Dresden an unser Wohnung vorbei. In Plauen oder Reichenbach bei Plauen hielt der Zug in den Morgenstunden. Draußen auf dem Bahnhof standen meine liebsten Freunde. Die Stasi. Sie hatten nun aber wirklich nichts mehr zu lachen. Sie wurden beschimpft und ausgelacht. Sie standen wie versteinert und verzogen keine Miene. Dann kamen sie in unseren Zug und nahmen uns die Ausweispapiere ab, mit der Begründung: Sie sind ab heute aus der DDR ausgewiesen. Auch das erzeugte wiederum nur Gelächter und Hohn. Nachdem sie wieder mit versteinerten Mienen auf dem Bahnsteig standen, warfen wir alle den Banditen unsere letzten Alutaler aus der DDR vor die Füße. Es war zum Schieflachen. Keiner verzog das Gesicht da draußen. Sicher haben sie kräftig gesammelt, als wir den Bahnhof verlassen hatten. Überall an den Gleisen standen Menschen und winkten uns zu. Teilweise mit Betttüchern. Es war einfach ergreifend. Nun kam noch der Moment, als wir endlich in der Freiheit ankamen. Auch hier in Deutschland wurde gejubelt und ich werde nie die Freundlichkeit vergessen, die uns entgegengebracht wurde.

Dieser Brief hat mich wieder sehr aufgewühlt und selbst beim Schreiben nach 18 Jahren kommen mir noch die Freudentränen. Ich könnte noch Stunden schreiben.

Kleine lustige Begebenheit am Rande: Als mein Freund erfuhr, dass wir es geschafft hatten, ist er nach Prag gefahren und hat seine Rostlaube von Polski-Fiat gesucht. Es muss ein 7. Sinn gewesen sein, ich hatte perfekt geparkt und er fand sein Auto. Im Rücklicht hatte er noch einen Schlüssel versteckt. Nachdem er die Strafe für zu langes Parken bezahlt hatte, ist er mit seinem Auto nach Hause gefahren und hat es natürlich zu einem völlig überzogenen Preis verkauft.

Andreas Reichel

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