Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Utta Schroff: Meine Wendepatenschaft

Im September '89 machte ich im Allgäu Urlaub. Die Ereignisse in Ungarn machten mich unruhig, und aus „BILD“ erfuhr ich, dass Paten gesucht wurden, damit aus der DDR geflüchtete Menschen Hilfestellung bei Arbeits- und Wohnungssuche gegeben wird. Ich selbst habe diese Hilfe von einer Bekannten aus Leipzig (meiner Heimatstadt) in großem Maße erfahren dürfen, als ich 1961 über Berlin in den Westen ging und wollte etwas zurückgeben. Zu diesem Zeitpunkt war ich geschieden, meine Kinder waren erwachsen und verheiratet und ich lebte in einer Dachwohnung auf 50 m².
Ich schrieb also an „BILD“ und erhielt kurz darauf einen Anruf aus dem Lager Passau von einer Frau, die gerne in den Raum Stuttgart übersiedeln wollte. Sie bestand aber darauf, dass wir uns erst mal kennen lernen sollten und kam für ein Wochenende zu mir. Sie war aufgetakelt (Pfennigabsätze, Nahtstrümpfe, Schmuck an allen Ecken, viel zu kurzer, hoch geschlitzter Rock usw.). Ich dachte: ‚O.k., ich will ihr helfen!’
Kaum zu mir gezogen, eröffnete sie mir, dass sie noch eine (Punk-) Tochter im Lager hätte, 16jährig, die so gerne auch zu ihr wollte. ‚O.k.’, habe ich gedacht, ‚das kriege ich auch noch hin.’ Ich gab den beiden mein Schlafzimmer, selbst schlief ich in einem Abstellraum auf einer Luftmatratze.
Selbst berufstätig, kochte und wusch ich für beide, weil ich merkte, dass keine von beiden Frauen dazu in der Lage war. Wenn ich etwas abgespannt aus dem Büro kam, war kein Bett gemacht, nichts zum Essen vorbereitet, vielmehr überlegten sie, welches Parfüm sie vom ersten selbstverdienten Geld kaufen würden.
Eine Freundin (mit Haus und viel freien Zimmern) übernahm die Tochter – und diese hat sich erlaubt, als die Gastfamilie in die Weihnachtsferien fuhr, ihren Punk-Freund aus Chemnitz kommen zu lassen (wir hatten inzwischen das wieder vereinte Deutschland). Dieser junge Mann war in schwarzes Leder (mit Ketten) gekleidet, rauchte im Gastgeberhaus und die beiden machten mit sehr viel Alkohol die Nacht zum Tage. Als ich von einer besorgten Nachbarin angerufen wurde, dass der Rollladen gar nicht hochgezogen würde, fuhr ich hin und sah die Bescherung. Das Haus stank wie eine Kneipe. Ich schickte den jungen Mann in die Jugendherberge.
Die Mutter des Mädchens hat das alles gewusst und mir nichts gesagt. Auch hat sie mir verschwiegen, dass sie im Raum Stuttgart Fuß fassen wollte, weil ihr Freund dort lebte. Ein Mann, der (angeblich) in einer 3-Zimmer-Wohnung getrennt von seiner Frau lebte.
Die Tochter habe ich bei der AOK Stuttgart untergebracht. Sie wurde dort am Computer angelernt und hat schnell begriffen. Die Mutter hatte in der DDR eine Banklehre gemacht, aber nie in diesem Beruf gearbeitet. Eine ländliche Zweigstelle der Volksbank nahm sie auf, bildete sie aus und zahlte ihr ab sofort ein gutes Gehalt. Die Personalchefs hatten zu dieser Zeit ein großes, weites Herz.
Als ich eine Woche in Urlaub flog, füllte ich den Kühlschrank, legte Bares auf den Tisch, überließ ihr meinen Opel Corsa und habe zur Bedingung gemacht, dass ihr Freund nicht in meiner Wohnung übernachtet. Als ich zurückkam, war der Kühlschrank leer, das Geld verbraucht, mein Auto total verdreckt und Nachbarn erzählten mir, dass der Freund mehrfach übernachtet hat.
Es wurde Zeit, eine eigene Wohnung für Mutter und Tochter zu suchen. Ich half noch beim Umzug. Danach habe ich von beiden nichts mehr gehört.
Leider habe ich die Falschen an Land gezogen.
Aber: ich würde jederzeit das Gleiche wieder tun….


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